Wie wahrscheinlich sind Erdölpreise von über 100 US-Dollar?

Wie wahrscheinlich sind Erdölpreise von über 100 US-Dollar?

Dienstag, 29. Mai 2018 von Stefan EppenbergerLesezeit: 2 Minuten

Gastbeitrag Vontobel Asset Management

Die Ölpreise steigen ununterbrochen. Selbst Preise von 100 USD pro Fass sind nicht mehr undenkbar, unseres Erachtens jedoch eher unwahrscheinlich. Trotzdem sollten sich die Preise auf den jetzigen Niveaus halten können, auch wenn die OPEC 2019 ihre Produktion erhöhen würde.

Spätestens seit US-Präsident Donald Trump die Kündigung des Nuklear-Deals mit Iran bekanntgegeben hat, sind die Ängste von einem «Ölpreisschock» wieder zurück (siehe Grafik 1). Unseres Erachtens ist ein solcher Schock, bei welchem die Preise wieder über 100 US-Dollar pro Fass gehen könnten, in den nächsten Monaten tatsächlich möglich. Wir erachten die Wahrscheinlichkeit für dieses Szenario jedoch «nur» bei 15%. Denn dazu müssten verschiedene Aspekte gleichzeitig zusammenkommen: Erstens müsste das starke globale Nachfragewachstum anhalten. Zweitens müssten die Erdölexporte sowohl aus dem Iran als auch Venezuela signifikant zurückgehen. Schliesslich müsste auch die OPEC grösstenteils an ihren Produktionskürzungen festhalten.

Grafik 1: Sehen wir bald 100 US-Dollar beim Erdöl? (Quellen: Datastream, Vontobel)

Sorgen über eine schwächere Nachfrage übertrieben

Unser Hauptszenario ist weniger spektakulär. Dennoch glauben wir, dass sich die Erdölpreise auf den neuen, höheren Levels halten können. Dabei gibt es unterstützende Signale von der Nachfrage- als auch der Angebotsseite. So sollte das strukturell starke Nachfragewachstum aus den Schwellenländern intakt bleiben. Jene Länder haben bezüglich ihres Energiekonsums weiterhin einen grossen Aufholbedarf zu den Industrieländern. Währenddessen sind die Sorgen über eine schwächere Nachfrage aufgrund des anstehenden Booms von Elektroautos übertrieben und sollte erst im nächsten Jahrzehnt relevant für den Erdölsektor werden.

Angebotswachstum bis 2020 voraussichtlich begrenzt

Die Analyse der Angebotsseite ist aufgrund der geopolitischen Risiken schwieriger. Wir rechnen mit einem signifikanten Einbruch der iranischen Exporte aufgrund der neuen US-Sanktionen. Europäische Unternehmen werden sich den Risiken von US-Strafen kaum aussetzen und ihr Rohöl von anderen Quellen beschaffen. Die US-Produktion selbst boomt währenddessen weiterhin. Das Produktionswachstum ist dabei so stark, dass man zunehmend Kapazitätsprobleme beim Abtransport zu Raffinerien und Exporthäfen hat. Das heisst aber auch, dass das Angebotswachstum aus den USA ebenfalls begrenzt sein wird. Dies gilt zumindest bis 2020, wenn die neuen Pipelines fertiggestellt sein sollten. So bleiben die OPEC und Russland als verbleibende Erdöllieferanten. Wir rechnen damit, dass die OPEC spätestens 2019 ihren Produktionskürzungen ein Ende setzen wird. Dies deshalb, weil die globalen Lagerbestände merklich zurückgekommen sind (Grafik 2) und sich die derzeitigen Erdölpreise wieder in Regionen befinden, bei welchen die erdölexportierenden Nationen ihre Staatshaushalte ausgeglichen halten können.

Grafik 2: Lagerbestände nähern sich dem langfristigen Durchschnitt (Quellen: EIA, Datastream, Vontobel)

Negatives Erdölszenario unwahrscheinlich

Ein negatives Szenario für den Erdölpreis erachten wir als unwahrscheinlich. Gründe dafür wären ein starker Nachfrageeinbruch, ein Ende der Kooperation zwischen der OPEC und Russlands oder eine komplette Kehrwende der iranischen Aussenpolitik im Nahen Osten. Alle Punkte scheinen derzeit kaum vorstellbar. Entsprechend scheint ein Engagement in Erdöl-Anlagen, welche im Vergleich zu anderen Anlageklassen immer noch einen starken Aufholbedarf haben, interessant.



Rechtlicher Hinweis

Diese Informationen stammen alleine vom Gastautor des Vontobel Asset Management. Die weitere Unternehmensentwicklung ebenso wie der Kursverlauf der Aktien ist von einer Vielzahl unternehmensinterner, branchenspezifischer & ökonomischer Faktoren abhängig. Jeder Anleger muss das Risiko entsprechender Kursverluste bei seinen Anlageentscheidungen mitberücksichtigen.

Bitte beachten Sie, dass bei einer Investition in diese Produkte keine laufenden Erträge anfallen. Die Produkte sind nicht kapitalgeschützt, im ungünstigsten Fall ist ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals möglich. Bei Zahlungsunfähigkeit des Emittenten bzw. des Garanten droht dem Anleger ein Geldverlust. Anleger sollten in jedem Fall beachten, dass vergangene Wertentwicklungen und/oder Analystenmeinungen kein hinreichender Indikator für künftige Wertentwicklungen sind. Die Wertentwicklung der Basiswerte hängt von einer Vielzahl wirtschaftlicher, unternehmerischer und politischer Faktoren ab, die bei der Bildung einer Markterwartung berücksichtigt werden sollten.

18.06.2019 05:06:44

 

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