«Traditionell haben sich die Banken in einem Umfeld höherer Zinsen gut geschlagen.»

«Traditionell haben sich die Banken in einem Umfeld höherer Zinsen gut geschlagen.»

Montag, 6. Juli 2015Lesezeit: 3 Minuten

derinews: Wie ist die aktuelle Stimmung in Amerika?

Im Frühjahr startete im US-Fernsehen eine neue Familien-Serie mit dem Namen «Happyish». Sie trifft die aktuelle Gemütslage recht gut. Zwar ist die Stimmung zurzeit nicht schlecht, jedoch auch nicht besonders euphorisch. Das ist eigentlich unüblich für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Situation am Arbeitsmarkt hat sich deutlich gebessert. Nachdem das Wachstum im ersten Quartal leicht rückläufig war, kommt der Konjunkturmotor langsam wieder in Schwung. Viele Haushalte haben jedoch nach wie vor das Gefühl, vom Aufschwung nicht zu profitieren. Das hält den Konsum derzeit noch zurück. Davon betroffen ist grundsätzlich auch der Bankensektor. Seit der Finanzkrise hat es massive Veränderungen und tausende Entlassungen gegeben. Nun laufen die Geschäfte im Grossen und Ganzen wieder gut; das zeigen auch die teils kräftigen Kursgewinne von US-Finanzwerten.

 

derinews: Wie ist die Gesellschaft heute gegenüber den Banken eingestellt?

Ende der 70er Jahre hatten noch 60 % der Amerikaner grosses Vertrauen in ihre Bank. Dies hat sich dramatisch verschlechtert. In einer jüngsten Umfrage gaben 28 % der Befragten an, grosses Vertrauen in Banken zu haben. Das ist zwar mehr als die 21 % des Jahres 2012, jedoch deutlich weniger als der Schnitt der vergangenen Jahrzehnte. Es handelt sich immer noch um die Nachwehen der Finanzkrise. Entsprechend populär bleibt das «Bashing» der Politik in Richtung Wall Street.

 

derinews: Was hört man von Seiten der Wall-Street-Analysten?

Die Prognosen für den US-Bankensektor sehen recht gut aus. In Amerika steuern wir auf eine Zinswende zu. Zwar bleibt noch offen, ob die Fed im Herbst oder erst um die Jahreswende herum eine erste Zinserhöhung vornehmen wird, doch die Zinswende dürfte kommen. Und gewöhnlich haben sich Banken in einem Umfeld höherer Zinsen gut geschlagen. In den drei Monaten nach einer ersten Zinserhöhung entstand zwar häufig zunächst Druck auf die Finanzwerte. Doch dies liegt auch daran, dass Investoren schon vorher auf die Zinswende gesetzt und bei Vollzug Kasse gemacht haben – um daraufhin wieder in den Sektor zu investieren. Es handelt sich um historische Vergleichswerte, die natürlich keine Garantie dafür geben, dass es nun wieder so sein wird.

 

derinews: In Europa befinden sich die Banken weiter in der Krise. Weshalb nicht die US-Banken?

Die amerikanischen Banken sind früher zu deutlichen Abschreibungen gezwungen worden. Bei den europäischen Instituten waren die Aufseher zögerlicher, weil es sich bei den «faulen» Wertpapieren überwiegend um Staatspapiere handelte. Massive Abschreibungen hätten Folgen für die betroffenen Staaten gehabt. Bei den Amerikanern waren es Hypothekenpapiere und die Leidtragenden waren private Investoren. Und ich würde sogar noch etwas weiter gehen: Ziehen wir einmal Deutschland als Beispiel heran, dort kann ich keinen starken Kapitalmarkt erkennen. Die Geschäfte laufen über New York, London oder Asien. Die Europäer haben ein schwieriges Verhältnis zu den Kapitalmärkten. Und so müssen sie sich auch nicht wundern, wenn sie global eine untergeordnete Rolle spielen.

 

derinews: Worin manifestiert sich die aktuelle Aufbruchsstimmung?

Zumindest nicht auf dem Börsenparkett. Ich habe Ende der 90er Jahre an der Wall Street angefangen und heute gibt es kaum noch etwas, das mich an diese Zeit erinnert. Das Geschäft ist zum Beispiel digital geworden. Auch deswegen sind die Folgen einer möglichen Zinswende so schwer abzuschätzen. Die letzte Zinserhöhung gab es im Jahr 2006. Damals spielten etwa Hedge-Fonds- oder High-Frequency-Trader so gut wie keine Rolle. Heute jedoch sind sie die wichtigen Treiber. Und bei Anzeichen erster Probleme könnten gerade diese Investoren blitzartig die Reissleine ziehen. Jedoch haben die letzten Quartalszahlen der Banken und auch die Kursgewinne der vergangenen Monate eine eigene Sprache gesprochen.

 

derinews: An der Spitze standen früher die Investmentbanken. Welche Wichtigkeit hat das Segment heute?

Durch neue Vorschriften wie die von Volcker Rule, welche den Eigenhandel reduziert, sind die Handelsaktivitäten zurückgefahren worden. Vor allem europäische Institute wie Barclays, Royal Bank of Scotland und UBS haben ihr Investmentbanking verkleinert. Andere Bereiche des Investmentbanking florieren hingegen – etwa die Beratung von Unternehmen, welche von Aktionärsaktivisten angegriffen werden.

 

Jens Korte

Wirtschaftskorrespondent an der Wall Street und US-Experte

Jens Korte studierte Volkswirtschaft und Kulturmanagement. Seit über 15 Jahren arbeitet er als wirtschaftspolitischer Korrespondent für Fernsehen, Radio und Print und berichtet täglich vom Parkett der New York Stock Exchange. Im April 2003 gründete er seine eigene Firma nygp new york german press. Von 1999 bis 2003 war Jens Korte zunächst Mitarbeiter, danach Partner des Korrespondentbüros Wall Street Correspondents.

 

 

10.12.2019 21:06:44

 

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