Investieren in China

Investieren in China

Mittwoch, 4. August 2021 von Yun BaiKarin GüldnerLesezeit: 6 Minuten

Investieren in China: Um den Sturm zu überstehen, könnten Diversifizierung und aktives Management erforderlich sein

Der chinesische Markt macht den Anlegern derzeit das Leben schwer. Grund dafür sind die neuen Regulierungsmassnahmen der chinesischen Regierung, die sich in den letzten Wochen sowohl auf grosse Technologie- als auch auf private Nachhilfe- und Bildungssoftwareunternehmen ausgewirkt haben. Viele ausländische Anleger betrachten diese Massnahmen als unerwarteten Schock für den Markt. Sie befürchten, dass diese verstärkten Regulierungen auch auf andere Sektoren übergreifen und einen systemischen Ausverkauf auslösen könnten. Unterdessen versicherte die chinesische Regierung den Anlegern in der letzten Woche, dass die Vorschriften keine Bedrohung für den Markt darstellen, sondern im Einklang mit dem langfristigen Wachstumsplan des Landes stehen. In Anbetracht dieses Plans und der Vorgehensweise Pekings könnten die langfristigen Wachstumsaussichten des chinesischen Marktes weiterhin attraktiv sein. Anleger sollten jedoch einen kühlen Kopf bewahren und ein gut diversifiziertes Portfolio halten, um sich in dem volatilen Marktumfeld zu bewegen.

Aufgrund der Regulierungen bröckelt das Vertrauen ausländischer Investoren

Mit ihren Regulierungen nimmt die chinesische Regierung immer häufiger grosse chinesische Technologieunternehmen ins Visier. Die Vorwürfe reichen von Verstössen gegen die Daten- und Cybersicherheit bis hin zu unlauteren Wettbewerbspraktiken, wie das harte Durchgreifen gegen das Fahrdienstunternehmen Didi Global Anfang Juli kurz nach dessen Börsengang zeigt. Infolgedessen schlug die Stimmung der Anleger gegenüber in den USA notierten chinesischen Internetunternehmen, die im Mittelpunkt des geopolitischen Konflikts zwischen China und den USA stehen, ins Negative um und hinterliess eine Kursdelle am Markt.

Darüber hinaus hat Peking in der vergangenen Woche beispiellose Vorschriften für den privaten Bildungssektor erlassen. So wurde es privaten Bildungseinrichtungen untersagt, Gewinne zu erzielen oder sich über Börsengänge Geld zu beschaffen. Inzwischen hat die chinesische Regierung auch strengere Vorschriften für die Immobilienbranche erlassen und Pläne zur Bereinigung des überhitzten Immobilienmarktes angekündigt. Anleger befürchten derzeit, dass sich das harte Durchgreifen auch auf andere Branchen ausweiten könnte. Diese regulatorische Unsicherheit hat in den letzten Tagen zu einem Ausverkauf am chinesischen Markt geführt.

Daten zu den Handelsströmen in Richtung Norden (aggregierte Transaktionen über die Börsenverbindung Shanghai-Hongkong und Shenzhen-Hongkong) zeigen, dass sich dieser unterdessen schon wieder zu beruhigen scheint (Abbildung 1, roter Kreis). Darüber hinaus nimmt das Interesse an Markteintritten aufgrund der günstigen Bewertungen zu. In der Zwischenzeit erholte sich der MSCI China Index am 28.07.2021 um 3.36 % von einem dreitägigen Einbruch von -13.6 %, und auch der Hang Seng Index verzeichnete eine Verbesserung um 1.54 % von einem dreitägigen Verlust in Höhe von -9.5 %.

Regulatorische Eingriffe folgen einem langfristigen Plan

Es ist nicht das erste Mal, dass Regulierungen der chinesischen Regierung die Nerven der Anleger strapazieren, wie die Anti-Korruptionskampagne im Jahr 2013 und die Steuererhöhung auf Luxusgüter im Jahr 2018 zeigen. Beides hatte sich damals negativ auf den Kurs der Spirituosenbranche ausgewirkt, die von Kweichow Moutai, dem Unternehmen mit der grössten Marktkapitalisierung in China, angeführt wird. Langfristig orientierte Anleger profitierten allerdings von dieser Situation, denn Kweichow Moutai erzielte in den letzten fünf Jahren eine hervorragende kumulative Rendite von mehr als 400 %.

Die aktuellen Interventionen am Markt sind auf den langfristigen Wachstumsplan zurückzuführen, den die chinesische Regierung verfolgt. Der 14. Fünfjahresplan ist eine Antwort auf den demografischen Wandel im Land und soll den Weg in die politische und wirtschaftliche Zukunft Chinas weisen (Abbildung 2). Er wurde im März dieses Jahres verabschiedet und ist bis 2025 gültig. Eckpfeiler sind die allgemein formulierten makroökonomischen Entwicklungsziele, die die Basis für weitere Massnahmen und Regelungen bilden.

Quelle: Government Work Report 2021

Mit Blick auf die Qualität des Wirtschaftswachstums strebt die chinesische Führung eine Reform der industriellen Entwicklungsplanung an, die von einer dienstleistungsorientierten zu einer selbständigen, hochtechnologischen und qualitativ hochwertigen Produktion führen soll. Dazu erhöht die Regierung kontinuierlich die Investitionen in den Hightech-Sektor, zuletzt im ersten Quartal 2021 um 37.3 % im Vergleich zum Vorjahr. Um ein besseres Marktumfeld für das Wachstum mittlerer und kleiner Unternehmen zu schaffen, wurden nun Vorschriften für grosse Technologieunternehmen erlassen. Diese sollen auch dazu beitragen, langfristig ein gesundes digitales Ökosystem zu schaffen.

Wie im Fünfjahresplan vorgesehen, verpflichtet sich die Regierung, die Lebensqualität ihrer Bürger zu verbessern. Mit der Regulierung des Bildungswesens soll die finanzielle Belastung für Familien aus den unteren Schichten der Gesellschaft verringert und der Zugang zu Bildung auf breiterer Basis gefördert werden, anstatt nur auf die Elite abzuzielen. Es ist auch eine Reaktion auf das derzeitige überteuerte Bildungssystem, das zu weniger Bildungschancen in den unteren Schichten und zu einem Rückgang der Geburtenraten führt.

Ist der Markt noch attraktiv?

Obwohl die Massnahmen der chinesischen Regierung im Einklang mit ihrem langfristigen Entwicklungsplan stehen, haben die unterschiedlichen Interpretationen und Spekulationen der Anleger über die neuesten Entwicklungen zu heftigen Marktreaktionen geführt. Diese könnten erfahrungsgemäss jedoch kurzfristiger Natur sein, wie der Handelskrieg mit den USA im Jahr 2019 zeigt. Es lässt sich allerdings nicht leugnen, dass die neuen Vorschriften für die Internetgiganten einen negativen Einfluss auf die Investitionen hatten.

Im gegenwärtigen Umfeld könnte passives Investieren nachteilig sein, da mehrere beliebte chinesische Marktindizes, denen wichtigste ETFs folgen, eine hohe Allokation in grosse Technologieunternehmen aufweisen (siehe Abbildung 3). So hat der MSCI China Index eine Gewichtung von 36 % und der Hang Seng Index eine Gewichtung von 21 % in grossen Internetunternehmen (Stand: 27.07.2021).

Angesichts der Entwicklungen der letzten Wochen stellt sich die Frage, ob der chinesische Markt noch attraktiv ist. Auch wenn regulatorische Eingriffe und hohe Volatilität keine Seltenheit sind, könnte ein starkes makroökonomisches Umfeld, solide Fundamentaldaten der Unternehmen und der 14. Fünfjahresplan der chinesischen Regierung für eine mögliche Investition im Reich der Mitte sprechen.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass das makroökonomische Umfeld derzeit positiv bleibt, da die Zentralbank die Liquidität weiter erhöht. Das jährliche BIP-Wachstum hat bereits das Niveau von vor der Pandemie übertroffen und erholt sich schneller als in den USA und der Eurozone (Abbildung 4).

Obwohl die Anlagemöglichkeiten in China derzeit attraktiv sein könnten, sollten Anleger vorsichtig sein. Der Markt ist für seine hohe Volatilität bekannt. Dies gilt insbesondere für den A-Aktienmarkt, der zu 85 % von lokalen Kleinanlegern genutzt wird. Diese haben in der Regel einen kürzeren Anlagehorizont und handeln erfahrungsgemäss häufiger. Die erhöhte Volatilität ist eine Folge des Herdenverhaltens dieser Anleger, die in einem Aufwärtsmarkt auf Gewinnjagd gehen und in einem Abwärtsmarkt panikartig verkaufen.

Anleger müssen sich dieser höheren Volatilität des chinesischen Marktes im Vergleich zu anderen Schwellenländern bewusst sein. Die annualisierte 10-Jahres-Volatilität des MSCI China liegt bei 20.62 %, während der MSCI Emerging Markets Index eine Volatilität von 17.66 % aufweist (Abbildung 5).

Einiges deutet darauf hin, dass die Marktvolatilität in Zukunft abnehmen könnte. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die chinesische Regierung die Beteiligung von Sozialversicherungsfonds am Aktienmarkt beschleunigt hat. Dies könnte zur Folge haben, dass nicht nur inländische, sondern auch ausländische institutionelle Anleger allmählich in den Markt eintreten und diesen effizienter machen. Da diese Anleger häufig langfristig investieren, könnte dies die Marktvolatilität mit der Zeit verringern.

Wie man auf dem chinesischen Markt investiert

Trotz der hohen Volatilität und der langfristig angelegten staatlichen Regulierung könnte der chinesische Markt Anlegern attraktive Chancen bieten. Marktrisiken sollte allerdings mit stärker diversifizierten Portfolios begegnet werden, die verschiedene Anlagethemen und Sektoren umfassen. In diesem Zusammenhang könnte ein aktives Management helfen, Gewinner zu identifizieren, Ineffizienzen auszunutzen und so einen Mehrwert für Anleger zu schaffen. Angesichts der Interventionen sollten die Anleger eine langfristige Perspektive einnehmen, um regulatorische Risiken zu minimieren und Marktschwankungen "auszusitzen". Insgesamt braucht es eine ruhige Hand und Geduld, um die richtigen Einstiegszeitpunkte auf dem chinesischen Markt zu identifizieren.

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01.12.2021 23:25:15

 

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