Industrie 4.0 ist nicht Fabrik 4.0

Montag, 7. März 2016 von Thomas RappoldLesezeit: 4 Minuten

Industrie 4.0 – das neue Schlagwort, das Politik, Industrie, Analysten und Anleger gleichermassen fasziniert. Roboter und Fertigungsstrassen, die, orchestriert durch digitale Sensorik und mithilfe künstlicher Intelligenz, zu denkenden Produktionsstätten mutieren und intelligent auf kurzfristigen Bedarf und individuelle Kundenwünsche hin produzieren, werden uns als das nächste grosse Ding verkauft. Ist dies zu kurz gesprungen?

Lange Zeit wurden im angelsächsischen Raum der mangelnde Ausbau des Servicesektors in Deutschland und die hohe Produktionslastigkeit bemängelt. Seit der Finanzkrise 2008/09 wurde deutlich, auf welch brüchigem Fundament das Dienstleistungsgewerbe in den USA und Grossbritannien fusste, nachdem der Finanzsektor als wichtiger Teil dieses Segmentes sich partiell komplett in Luft auflöste. Deutschland hingegen mit seiner starken industriellen Basis feuert aus allen Rohren und liefert einen Exportrekord nach dem anderen ab.

Mit der enormen Wucht der zunehmenden Digitalisierung sämtlicher Wirtschaftszweige wird uns von den Propheten des Silicon Valley mit Aussagen wie «Software is eating the world» und «digitale Disruption» wieder weisgemacht, dass alles Produzierende und Reale durch Software und Dienste ersetzt wird. Durchaus nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass man im Silicon Valley nach 10.00 Uhr morgens keinen LKW mehr zu Gesicht bekommt, da die Kantinen der grossen Tech-Firmen mit Speisen und Getränken versorgt sind. Es wird ja nichts mehr hergestellt, was man im Tal der Glückseligkeit noch physisch transportieren müsste.

Hier stehen sich nun zwei Welten oder vielmehr Weltanschauungen gegenüber, die für sich jeweils in ihrem eigenen Territorium sehr erfolgreich sind: die Tech-Industrie im Silicon Valley und die deutsche Maschinen- und Elektroindustrie. Nun kommen sie sich aber ins Gehege, da die jeweilige Partei versucht, in das Territorium des anderen einzudringen.

Spreche ich im Silicon Valley mit Aaron Levie, Vorstandschef von Box.net, einem führenden börsennotierten Cloud-Unternehmen, in das ich selbst als Business Angel investiert hatte, bekomme ich zu hören, dass Unternehmenssoftware nicht mehr nur dazu dient, Prozesse effizienter zu gestalten, sondern künftig der Treiber und damit der Gestalter für alle geschäftlichen Handlungen und Produkte sein wird. Hier in Deutschland erklären mir mittelständische Unternehmer aus dem Maschinenbau nach wie vor trotzig, dass man ihnen die Butter nicht vom Brot nehmen könne und ihre Maschinen weiterhin guten Absatz finden werden respektive man auch künftig gut damit fahren werde, die Geschäftsmodelle nur iterativ und in kleinen Schritten anzupassen.

Die Amerikaner haben dementsprechend die grössere Vision und reden vom «Internet der Dinge», also dass praktisch alles zum Internet wird, wohingegen die Deutschen wieder einmal pragmatisch von «Industrie 4.0», also einer neuen vernetzten und übergreifenden intelligenten Produktionslandschaft sprechen. Vielfach hat man bei den Marketingbotschaften der Maschinenbauer den Eindruck, Industrie 4.0 bedeute, eine Maschine mit dem Internet zu vernetzen. Dabei ist es weit mehr als die Optimierung der Produktionssteuerung. Vielmehr muss die deutsche Industrie vom Silicon Valley schnell lernen und viel stärker in neuen digitalen Geschäftsmodellen und vor allem mehr softwarezentriert in App- und Cloud-Plattformen sowie Diensten denken.

 

Was bedeutet dies nun konkret und wie können wir beide Welten optimal zusammenführen?

 

Dazu zwei Beispiele

1. Deutschland ist weltweit einer der Vorreiter bei der Stromerzeugung mittels erneuerbarer Energie. Trotzdem hapert es an einem intelligenten Stromnetz. Ein kalifornischer Internetunternehmer zeigt den Deutschen, wie es geht. Elon Musk, reich geworden durch die Erfindung des Bezahldienstes PayPal, revolutioniert gerade mit Tesla die Automobilbranche und baut ganz nebenbei ein neuartiges intelligentes Stromnetz auf, und dies gleich weltweit. Er nutzt dabei die Ladestationen von Tesla zur Stromverteilung und die Batterien seiner Tesla-Autos als Stromspeicher. Obendrein ist er noch Aufsichtsratschef von SolarCity, dem grössten Solarinstallateur für Hausdächer in den USA. Statt sich mit dem alten und maroden US-Stromsystem der Energieversorger auseinanderzusetzen, überspringt er es komplett und baut ein technologisch (am Mobilfunk orientierten) dezentrales Netz von Ladestationen in den USA, aber auch in Europa und Asien auf. Übrigens alles softwaregesteuert. Mittels Big Data Technologien werden die lukrativsten Standorte ermittelt, und beim Ladevorgang kann dann auch gleich noch ein Software-Update für das Tesla-Auto vorgenommen werden.

2. Apple, Google, Facebook und Amazon haben vorgemacht, wie man über sogenanntes Cloud-Computing enorme Rechenleistung flexibel für unterschiedlichste Anwendungsfälle bereitstellen kann. Amazon hat mit seinen Erfahrungen aus dem Betrieb des grössten E-Commerce-Angebotes weltweit mit dem Geschäftsbereich AWS (Amazon Web Services) den grössten Rechenzentrumsprovider für Dritte geschaffen. Schauen Sie einen Film über den Filmstreaming-Dienst Netflix oder verschieben Sie eine Datei über den Speicherdienst Dropbox, so geschieht dies alles auf Rechnern von Amazon. Der Trend geht hin zur Virtualisierung und weg vom Eigenbetrieb und der physischen Vorhaltung von Infrastruktur.

Übertragen auf den deutschen Maschinen- und Anlagenbau ergibt sich ein neues Anwendungsszenario: Die Maschine wandert in die Cloud und man spricht von «Cloud Machinery». Wie geht dies in der Praxis? Der Anlagenbauer wird selbst zum Betreiber eines Maschinenparks. Seine Produkte und Geschäftsprozesse stellt er in Form einer Maschinen-API (Service- und Programmierschnittstelle) über das Internet zur Verfügung. Die erfolgreichen Internetunternehmen haben hierzu Basisschnittstellen für Autorisierungs- und Kommunikationsprozesse entwickelt, die auch sehr gut im Maschinen- und Anlagenbau eingesetzt werden können. Der Kunde kann diese Schnittstellen flexibel in seine eigene Softwareinfrastruktur integrieren. Folglich stellt er beispielsweise seine herzustellenden Produkte als 3D-Muster in einen eigenen Datenraum ein und stösst mit der Maschinen-API über das Internet die Produktion beim entfernt liegenden Anlagenbauer an. Die fertigproduzierten Teile werden nach erfolgter Endkontrolle an den Kunden ausgeliefert.

Mit der Maschinen-API hat der Anlagenbauer zudem einen nicht zu unterschätzenden Hebel in der Internetwelt: Über die digitale Infrastruktur mit den App Stores von Apple und Google kann er seine Maschinenservices potenziell 2.5 Milliarden Smartphone- und mehreren hundert Millionen Tablet-Nutzern anbieten. Ohne weitere Maschinen physisch zu exportieren, vermag er dadurch seine Exportquote im Umsatz deutlich zu steigern. Beispiele aus dem Cloud-Computing zeigen, dass die Unternehmen dabei deutlich höhere Margen erzielen können, fallen doch die logistischen Aufwendungen für Transport und Wartung weg.

Der Anlagenbauer schafft sich damit einen neuen Markt für Kunden, die ad hoc und unkompliziert ohne Rüstzeiten und ohne den hohen finanziellen Einsatz für den Kauf einer Maschine auf «Machinery as a Service» zugreifen wollen. Statt des Verkaufspreises für die einzelne Maschine erhält der Anbieter eine leistungsabhängige Servicegebühr.

Dies sind zwei konkrete Beispiele im Kontext von Industrie 4.0, wie man sich den Brückenbau zwischen dem Silicon Valley auf der einen und dem Produktionsstandort Deutschland auf der anderen Seite vorstellen kann.

Und ganz nebenbei: Deutschland gelänge damit endgültig der Beweis, produktionslastige Dienstleistungen mit sehr hoher Hightech-Wertschöpfungstiefe anzubieten und seine angelsächsischen Kritiker wieder einmal eines Besseren zu belehren. Folgt Deutschland diesem Weg, sind neue Rekorde im Export sehr wahrscheinlich.

 

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Autor: Thomas Rappold
Verlag: FinanzBuch Verlag (München)
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Gebundene Ausgabe: 220 Seiten
ISBN: 9783898798976

26.01.2022 01:13:12

 

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