«Im Sport- und Gesundheitsbereich werden Wearables weiterhin hohen Nutzen stiften.»

Sonntag, 5. April 2015Lesezeit: 3 Minuten

Dr. Ulf Blanke

Senior Scientist and ETH Pioneer Fellow Wearable Computing Lab, ETH Zürich Dr. Blanke ist anerkannter Forscher der ETH Zürich – eine der weltweit führenden technisch-naturwissenschaftlichen Hochschulen. Er entwickelt «Wearable Computing»-Technologien für Anwendungen in den Bereichen Sport, Medizin sowie Crowd Management. Ulf Blanke ist ausserdem Geschäftsführer der antavi GmbH, die sich mit Besucherstrom- Messungen beschäftigt, sowie Mitbegründer der in New York niedergelassenen TwoSense LLC, welche das Ziel verfolgt, sichere Transaktionen von «Wearable Computing»-Daten zu ermöglichen.

 

derinews: Was sind «Wearables»?

Grundsätzlich geht es um eine Mischung aus tragbaren Sensoren zur Erfassung von physiologischen Signalen, datenverarbeitenden Algorithmen und Feedback-Systemen (z.B. «Augmented Reality»-Datenbrillen). So existieren Wearables in unterschiedlichsten Formen. Intelligente Textilien, Armbänder mit Sensoren und auch das Smartphone sind Wearables. Gerade im Sport ist die Technologie schon länger erhältlich – bevor sich der Begriff Wearables überhaupt etabliert hat – zum Beispiel in Form eines Pulsmessers. Im Zuge des technologischen Fortschrittes sehen wir Activity-Tracker mit komplexen Auswertungen oder App-basierte Sensoren-Systeme, die uns sagen, wie gut unser Tennis- oder Golfschlag ist.

 

derinews: Sind es Antworten auf bestehende Fragen oder etwa neue Bedürfnisse?

Wegen des gesättigten Smartphone-Marktes stehen Hersteller wie Samsung oder Apple unter dem Druck, neue Geräte entwickeln zu müssen. Für Konsumenten sind Wearables also etwas Neues. Sie wecken eine generelle Neugier über unser «Selbst». Dank Wearables ist es möglich, das eigene Verhalten zu messen, sich selbst in Relation zu setzen und sich letztlich besser zu verstehen. «Wie fit bin ich? Wieso bin ich immer so müde?» Versteht man dies, kann man sein Verhalten anpassen. Wearables werden auch kommunikativ oder zur Selbstdarstellung in sozialen Netzen genutzt: «Heute bin ich 10 Kilometer gerannt.»

 

Wir sehen jedoch auch eine Abbruchquote von immerhin 30%. Die Killerapplikation wurde also noch nicht gefunden und wir können noch «ohne». Die «Google Glasses» haben gezeigt, wie ein Unternehmen für Anwendungs-Ideen «Crowdsourcing» betreibt, statt sie im Geheimen zu entwickeln. Die Applikation, die ein tägliches Tragen der intelligenten Brille rechtfertigt, wurde bislang nicht gefunden. Die Technologie ist allerdings schon seit 20 Jahren kommerziell verfügbar.

 

derinews: Wie lassen sich Wearables nutzen?

Sicherlich werden sie sich zuerst in spezialisierten Bereichen durchsetzen. In der Gesundheitspflege lassen sich zum Beispiel aus der Kombination von Sensoren und Analyse-Algorithmen datengetriebene Diagnosen durchführen, was Fehler und Aufwand reduziert. Intelligente Brillen können in komplexen Arbeitsprozessen «hands-free» Unterstützung leisten – zum Beispiel bei Wartungsarbeiten in der Avionik. Im Sport oder in der Rehabilitation können Wearables ein schnelleres Lernen der Körperkoordination ermöglichen. Was früher durch mühsame Analyse von Videoaufnahmen sichtbar gemacht werden musste, können sensorbasierte Assistenten heute unmittelbar verarbeiten – ohne die physische Existenz eines Trainers.

 

derinews: Wo hat die Technologie noch Einzug gehalten?

Beliebt ist sie bei Grosskonzernen – wegen des globalen Massenmarktes. Damit man ein Gerät jedoch tagtäglich trägt, nutzt und mehrmals die Woche auflädt, muss ein ausgeprägter Mehrwert dahinter stehen. Einen weitergehenden Einzug werden wir daher in der Gesundheitspflege und im Sport sehen.

 

derinews: Eine Basis für neue, kreative Geschäftsmodelle oder ganze Märkte?

Man muss nur ein paar Jahre zurückblicken. Smartphones – ursprünglich Pocket-PCs – gibt es schon über zehn Jahre. Doch erst der App-Store schuf den Milliardenmarkt. Denn über ihn kann jeder Software-Hersteller zu einem Herausgeber werden und hat einen direkten Kanal zu potenziellen Käufern, um neue Funktionalitäten – also Apps – anzubieten. Mit den Wearables wird es ähnlich sein: Nicht die Hardware treibt den Markt, sondern die Dienste, sogenannte «SaaS-Modelle» (Software as a Service). Kombiniert mit dem App-Markt werden Wearables zu einem Teil des Ökosystems.

 

derinews: Wie ist die weitere Entwicklungsdynamik einzuschätzen?

Wearables sind eine Erweiterung von Körper und Sinnen: Elektronik wird bald zu einer Standardausrüstung unserer Kleidung und dort auf bestimmte Situationen reagieren können (z.B. muskelverstärkend, kühlend oder wärmend), dank intelligenter Kontaktlinsen werden wir unsere Augen wie ein Teleskop nutzen können, Erinnerungshilfen werden uns rechtzeitig bereitstehen usw. Derzeit sind dies viele kleine Einzelbausteine. Künftig werden wir ausserdem eine stärkere Vernetzung und bessere Methoden zur Datenanalyse erleben. Über den Fortschritt besteht dabei die Gefahr der Neudefinition eines gläsernen Menschen, denn Wearables haben Zugriff auf unsere intimsten Momente. Wie verwaltet man diese sensiblen Daten? Der Start-up Twosen.se beschäftigt sich mit dieser Vertrauensfrage und schafft eine Plattform für die sichere Speicherung und den Handel von Daten, ohne die Privatsphäre und den Datenschutz zu opfern.

 

derinews: Welche Lebensbereiche werden stark profitieren?

Eines unserer grössten Probleme ist die alternde Gesellschaft. Das Potenzial, über Wearables Lösungen für diesen Bereich zu schaffen, ist daher beachtlich. Es ist notwendig geworden, Technologien zu entwickeln, die die Autonomie und das Selbstmanagement bei chronischen Krankheiten ermöglichen. Wearables werden hier weiterhin eine tragende Rolle spielen.

 

25.05.2020 00:42:39

 

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