Gentherapie: News bewegen Kurse

Gentherapie: News bewegen Kurse

Donnerstag, 9. August 2018Lesezeit: 6 Minuten

Am 13.07.2018 wurde der Vontobel Gene Therapy Performance-Index lanciert. Die interessante Schlüsseltechnologie des «Health Care»-Bereichs wurde damit für Investoren zugänglich. Eine erste Bestandsaufnahme.

2017 gilt als das Jahr des Durchbruchs der Gentherapie. Aggressive Krebsformen oder schwere Erbkrankheiten könnten laut vieler Experten des Segments langfristig geheilt werden. Die als neue Schlüsseltechnologie des «Health Care»-Sektors gehandelte Gentherapie könnte dabei (unter Voraussetzung eines weitergehenden kommerziellen Erfolges) auch aus Anlegersicht immer interessanter werden.

«Die grosse Hoffnung ist natürlich, dass Krebsfälle heilbar sein werden, die heute als unheilbar gelten.»

Dr. Christian Lach, Senior Portfolio Manager, Bellevue Asset Management

Indexkonzept fokussiert auf einem etablierten und einem innovativen Segment

Vor diesem Hintergrund wurde der Vontobel Gene Therapy Performance-Index lanciert (Anfangsfixierung: 13.07.2018). Das junge Themenbarometer verzeichnete jedoch schon nach wenigen Wochen seiner erst kurzen «Lebenszeit» einen Kursrückgang. Ein Blick auf das Indexkonzept gibt ersten Aufschluss: Um eine ausreichende Diversifikation für ein Investment in Unternehmensaktien zu gewährleisten, war der Index in zwei Segmente unterteilt worden: in einen sogenannten etablierten und einen innovativen Teil. Grafik 1 zeigt, dass sich das etablierte Segment aus Unternehmen zusammensetzt, die schon länger im Markt tätig sind; sie sind profitabel und weisen zudem eine gewisse Grösse auf. Der US-Konzern Thermo Fisher Scientific oder auch der Schweizer Pharmagigant Novartis sind Beispiele für aktuelle Indexmitglieder des etablierten Bereichs.

Nun zum innovativen Indexteil: Er beinhaltet im Vergleich zu den Etablierten eher kleinere Biotech-Werte. Die Aktien dieser Unternehmen weisen typischerweise höhere Kursschwankungen und damit auch ein höheres Risiko auf, Kursverluste zu erleiden. Denn nicht nur die Gentherapie gilt als noch junge Technologie. Auch viele Unternehmen der Branche, die dem innovativen Teil des Vontobel Gene Therapy Performance-Index zugerechnet werden, gibt es meist noch nicht sehr lange. Sie befinden sich oftmals noch in einem Etablierungsprozess. Zu den «innovativen» Indexmitgliedern zählen zum Beispiel das US-amerikanische Unternehmen Bluebird Bio oder Cellectis aus Frankreich.

Grafik 1: Indexkonzept - Vontobel Gene Therapy Performance-Index
Quelle: Vontobel-Indexleitfaden, Illustration: Vontobel

Neue Studie löste Kursturbulenzen aus

Tatsächlich war es auch dieses innovative Segment, das den Kursrückgang des Vontobel Gene Therapy Performance-Index nach Lancierung auslöste. Was war konkret passiert? Die Kurse der im Index enthaltenen innovativen Biotech-Unternehmen, welche immerhin die Hälfte des Barometers ausmachen, litten laut den Experten von Bellevue Asset Management (BAM) unter einer ernüchternden Studie. Sie wurde am 16.07.2018 – drei Tage nach Anfangsfixierung des Index – publiziert. Die Resultate von «Nature Biotechnology», verfasst im Labor von Allan Bradley, beziehen sich dabei auf die CRISPR/Cas9-Methode (Grafik 2) – auch Gentherapie 2.0 genannt. Die konkreten Ergebnisse: Bei der Anwendung dieser Form des Genome Editing könne es den Verfassern zufolge zu ungewollten Mutationen und zur Löschung von Informationen im Genom kommen. Die Studie hebt ausserdem hervor, dass CRISPR/Cas9 Modifikationen in Bereichen des Erbguts hervorrufe, die weit entfernt von den gewünschten Eingriffsstellen liegen. Die Autoren spekulieren darüber, dass diese Nebeneffekte sogar die Bildung von Krebszellen nicht ausschliessen können.

Kritik an Studie – Können die Ergebnisse stimmen?

Doch die Forscher müssen sich nun auch berechtigte Kritik gefallen lassen. Der Grund: Es gibt Gründe, weswegen man die Relevanz der o. g. Resultate anzweifeln könnte. So wurden laut den Experten des Bellevue Asset Management (Aussagen vom 06.08.2018) für die Versuche beispielsweise auch Zelllinien verwendet, die vom somatischen, menschlichen Gewebe weit entfernt liegen. Verwiesen wurde in der Studie zudem auf embryonale Stammzellen von Mäusen. Des Weiteren wurden die DNA-Brüche in sogenannten Exons gesetzt. Das sind jene Bereiche, die für die Kodierung der Proteine gar nicht gebraucht werden. Die sogenannten Knock-outs müssen dort also nicht induziert werden. Eine weitere Schwäche der Studie ist, dass diese Effekte (grosse Deletionen oder Insertionen an der Bruchstelle) in anderen Studien in dieser Häufigkeit nicht beschrieben wurden. Die Experten von Bellevue Asset Management kommen daher zu der Conclusio, dass es den Effekt alles in Allem zwar gebe und er auch durchaus unerwünschte Wirkungen haben könnte. Die Entstehung von Krebs durch die CRISPR/Cas9-Methode konnte die Studie aber schlichtweg nicht nachweisen. Was theoretisch zwar möglich wäre, erscheine (auch aufgrund der fehlenden Beweislage) letztlich sehr unwahrscheinlich. Derzeit wird die CRISPR/Cas9-Methode praktisch ausschliesslich «ex vivo», also ausserhalb des Körpers, angewendet. Dies erlaubt eine bessere Qualitätssicherung, die solche unerwünschten Nebenwirkungen praktisch ausschliessen sollte. Parallel arbeitet man an der Verbesserung der Gen-Editing-Technologien. Ziel ist eine möglichst hohe Sicherheit für die Patienten. Ein gewisses Restrisiko bleibt allerdings immer.

Grafik 2: «Genome Editing» oder Gentherapie 2.0
Quelle: Bellevue Asset Management, Illustration: Vontobel

Nachrichten fungieren als starke Kurstreiber

Doch weshalb die energische Kursreaktion? Laut dem Bellevue Asset Management ist insbesondere bei einem sensiblen Thementrend wie der Gentherapie die Kursvolatilität potenziell auch stark mediengetrieben. Grund ist, dass Forschungsaktivitäten nach wie vor hoch sind und die Technologie viele Hoffnungen aufkeimen lässt. . Neuigkeiten aus der Wirtschaft, aber auch die generelle «News-Lage» in Bezug auf das Thema selbst spielen daher eine sehr grosse Rolle. Dies bestätige sich laut den Experten von BAM beispielsweise anhand dieses Positivbeispiels: So stiegen einige der im Index enthaltenen Unternehmen um mehrere Prozentpunkte an, nachdem der US-Pharmakonzern Pfizer in den Diskussionen zu seinen Quartalszahlen im Juli 2018 erwähnte, eine Gentherapie-Firma kaufen zu wollen, «if the price is right» (wenn der Preis stimmt). Nachrichten können also alleinige Kurstreiber für Unternehmensaktien des innovativen Segments sein.

Auf junge Biotech-Firmen wirke die Bekanntgabe neuer klinischer Studien besonders stark. Das Bellevue Asset Management merkte zudem an, dass im zweiten Halbjahr noch einige Publikationen mit neuen Erkenntnissen anstehen. Auch im Bereich des M&A sei in Bezug auf den Sektor einiges zu erwarten, da viele Kurse ja von erreichten Hochs aus (stark) korrigiert haben und interessante Einstiegsgelegenheiten bieten. Fusionen und Übernahmen haben sich bei kleineren Übernahmekandidaten letztlich schon oft als starke Kurstreiber erwiesen. Aufgrund dieser möglichen Einflussfaktoren sollten Investoren auch weiterhin mit starken (positiven oder negativen) Kursbewegungen des Vontobel Gene Therapy Performance-Index im verbleibenden Jahr 2018 rechnen und dabei beachten, dass wie immer die übliche Regel des Investierens greift: Attraktive Chancen bringen auch immer entsprechend hohe Risiken mit sich.

Bereits veröffentlichte Zahlen haben Erwartungen übertroffen

Bereits veröffentlichte Zahlen haben Erwartungen übertroffen Womit wir bei den «performance-technischen Übeltätern» wären: Die Indexmitglieder, die sich während der kurzen Beobachtungsperiode seit Anfangsfixierung (13.07.2018–06.08.2018) am schlechtesten entwickelt haben, sind Adaptimummune Therapeutics, Uniqure N. V. sowie Intellia Therapeutics. Kein Wunder, handelt es sich bei zum Beispiel Intellia Therapeutics um eines der führenden Unternehmen bei der Anwendung von CRISPR/Cas9. Wie die anderen genannten Player des Segments gehört das Unternehmen dem innovativen Segment an und hat besonders stark durch den negativen Newsflow gelitten. Zwar haben erst wenige Unternehmen des innovativen Teils (Bluebird, Cellectis oder Ultragenyx) ihre Quartalszahlen im aktuellen Zeitpunkt schon präsentiert. Doch die, die es bereits taten, haben mit ihren veröffentlichten Ergebnissen laut BAM (Stand: 06.08.2018) die Erwartungen der Analysten grösstenteils übertroffen. Auch einige der Aktienkurse scheinen bereits begonnen zu haben, sich von der negativen Nachricht über die Studie wieder zu erholen. Grafik 3 zeigt das Performance-Ranking in Bezug auf beide Indexsegmente. Während Nachrichten laut BAM erst einmal die Kurstreiber von Unternehmen des innovativen Segments bleiben dürften, stehen bei den Etablierten neben «Newsflow» vor allem die Finanzzahlen im Vordergrund.

Quartalsergebnisse vieler Etablierter fielen erfreulich aus

Damit schliesslich noch ein Blick auf das etablierte Segment des Vontobel Gene Therapy Performance-Index. Gemäss den Experten von BAM präsentierten Vertreter dieses eher konservativ ausgerichteten Indexteils recht erfreuliche Ergebnisse zum vergangenen Quartal. In der Folge konnte beispielsweise Thermo Fisher Scientific gemäss Bloomberg (06.08.2018) eine um 22% höhere Quartalsperformance als im Vorjahr verzeichnen. Der Umsatz betrug 6.08 Milliarden US-Dollar und auch wenn historische Daten keine Garantie für künftige Entwicklungen geben: Der Gewinn pro Aktie stieg im zweiten Quartal 2018 um beachtliche 20% auf 2.75 US-Dollar. Auch das in Kalifornien ansässige Diagnoseunternehmen Illumina steigerte seinen Umsatz in den letzten drei Monaten laut Quartalsbericht um 25% auf 830 Millionen US-Dollar (06.08.2018). Sein Gewinn pro Aktie betrug 1.41 US-Dollar, im Vorjahr belief sich dieser im selben Zeitraum noch auf 0.87 US-Dollar.

Die Gewinnsteigerungen spiegelten sich letztlich in den Aktienkursen wider: Beide Unternehmen waren in den ersten Wochen nach Indexlancierung (Stichtag: 06.08.2018) die Top-Performer des Vontobel Gene Therapy Performance-Index (Grafik 3). Generell entwickelten sich die Indexmitglieder des etablierten Segments seit Lancierung des Themenindex überwiegend positiv. Gute Aktienperformances zeigten ebenfalls die Schweizer Pharmaunternehmen Novartis und Lonza –nachdem die Zahlen des zweiten Quartals öffentlich wurden. Zu guter Letzt der «Best Performer» in Bezug auf das innovative Segment und den genannten kurzen Zeitraum (Stichtag: 06.08.2018). Es handelt sich um Cellectis, ein Biotechnologie-Unternehmen aus dem innovativen Segment, das standardisierte Chimäre Antigen-Rezeptor-T-Zelltechnologien für die Krebs-Immuntherapie entwickelt.

Grafik 3: Ranking der Indexmitglieder nach Aktienkursperformance
Quelle: Bloomberg, 07.08.2018, Illustration: Vontobel


15.08.2018 13:11:24

 

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