Frischer Wind im DAX®

Frischer Wind im DAX®

Freitag, 14. August 2020Lesezeit: 3 Minuten

Vonovia und Deutsche Wohnen bringen die Kräfteverhältnisse durcheinander

In seiner 32-jährigen Geschichte war der DAX® grossen Veränderungen unterworfen. Viele der Gründungsmitglieder sind nicht mehr in der ersten deutschen Börsenliga vertreten. Der ständige Wechsel muss jedoch nicht negativ sein. Vielmehr ist er ein Grund dafür, dass der DAX® zu einer Erfolgsgeschichte werden konnte.

Wirecard sorgt für kurze Stimmungseintrübung

Deutschland ist gemessen am Bruttoinlandsprodukt die grösste Volkswirtschaft in Europa. Aus diesem Grund ist es wenig verwunderlich, dass dem deutschen Aktien­markt auf dem alten Kontinent eine ganz besondere Stellung zukommt. Das wichtigste deutsche Börsenbaro­meter ist der Deutsche Aktienindex DAX®. Er beherbergt die gemessen an der Streubesitz­-Marktkapitalisierung und der Liquidität 30 grössten börsennotierten Unternehmen Deutschlands. Der DAX® hat eine bewegte Geschichte hinter sich – seit er am 1. Juli 1988 an den Start ge ­gangen ist, bis zum 25. Juni 2020, als mit Wirecard das erste DAX®­-Mitglied einen Insolvenzantrag gestellt hatte. Angesichts des Bilanzskandals und der Insolvenz beim Zahlungsabwickler aus Aschheim bei München stand die Feier zum 32. Geburtstag im DAX® unter keinem guten Stern. Zumal gleichzeitig die Corona­-Pandemie wütete. Trotz dieses Wermutstropfens bleibt der gemeinsam von der Frankfurter Wertpapierbörse, der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Wertpapierbörsen (ADW) und dem Fachblatt Börsen­Zeitung entwickelte DAX® eine Erfolgsgeschichte.

Genauso wie die gesamte deutsche Wirtschaft hängt der Erfolg der DAX®­-Konzerne zu einem grossen Teil vom Export ab. Umso schmerzlicher mussten die Unternehmen in der ersten deutschen Börsenliga in den vergangenen Jahren mitansehen, wie zunächst der Handelsstreit zwischen China und den USA sowie nun die Lockdown­ Massnahmen im Zuge der Corona­Pandemie der Globali­sierung einen Schlag versetzten. Es ist davon auszugehen, dass der internationale Handel längere Zeit brauchen wird, um sich zu erholen, da COVID­19 auch gezeigt hat, dass die Produktion bestimmter Waren wieder verstärkt vor Ort erfolgen sollte. Dazu gehören unter anderem die im Zuge der Pandemie in den Fokus geratenen Schutz­masken und Beatmungsgeräte. Deutschland ist unter anderem wegen seines starken Maschinenbausektors zu einem Exportland geworden. Produkte «Made in Germany» sind weltweit gefragt und sollten auch in einer für die Globalisierung schwierigen Zeit viel Vertrauen geniessen. Obwohl der Maschinenbausektor in den vergangenen Jahren im DAX® etwas an Bedeutung verloren hat, bleibt er insgesamt weiterhin stark vertreten. Mit MTU Aero Engines hat es kürzlich sogar ein Vertreter dieser Zunft in die erste deutsche Börsenliga geschafft.

Grosse Veränderungen

Der Triebwerkshersteller MTU Aero Engines ist kein ganz Unbekannter. Das Unternehmen war früher ein Teil der Daimler Luftfahrtsparte. Neben MTU Aero Engines kom­men die weiteren DAX®­Maschinenbauer aus der Auto­mobil­ oder Zulieferindustrie. Unter ihnen sind Schwer­gewichte wie Daimler, Volkswagen, BMW und Continental zu finden. Deutschland ist international jedoch nicht nur als starker Maschinenbaustandort bekannt. Die Chemie­industrie ist ebenfalls ein wichtiges Standbein der deutschen Wirtschaft und natürlich ein echter Export­schlager. Im DAX® wird dieser Bereich allen voran von BASF, Bayer, Merck KGaA und Covestro vertreten. Auch den Konsumgüterkonzern Henkel kann man am Rande hinzuzählen. Trotz der starken Stellung des Maschinen­baus und des Chemiesektors in der gesamten deutschen Wirtschaft sowie in der ersten deutschen Börsenliga wird die Liste der börsennotierten Unternehmen Deutschlands bei der Markkapitalisierung seit Jahren von SAP angeführt.

Europas grösster Softwarekonzern zeigt, dass die Technologieunternehmen auf dem alten Kontinent ihren Branchenkonkurrenten aus den USA nicht hoffnungslos unterlegen sind. Die Walldorfer profitieren vor allem vom starken Wachstum im Bereich Cloud Computing. Mit Infineon ist ein weiterer starker deutscher Vertreter der Technologiebranche im DAX® gelistet. Nach der Über­nahme von Cypress Semiconductors ist Infineon sogar zu den zehn grössten Halbleiterunternehmen der Welt auf­gestiegen. Infineon ist zudem ein Beispiel dafür, dass der DAX® ständig Bewegungen ausgesetzt ist. Die Münchner waren Teil des Siemens­Konzerns. Heute sind beide Unternehmen DAX®­-Mitglieder. Zudem gingen im Laufe der Zeit EPCOS, Osram und Siemens Healthineers aus dem Elektronikkonzern hervor. Darüber hinaus ist der Börsengang der Siemens Energy AG geplant. Auch Bayer hat sich stark verändert. Aus dem Agrarchemie­ und Pharmakonzern gingen Lanxess und Covestro, heute selbst DAX®-­Mitglied, hervor.

Vonovia und Deutsche Wohnen ebnen den Weg

Die vielen Veränderungen haben dazu geführt, dass mehr als die Hälfte der DAX®­Gründungsmitglieder nicht mehr in der ersten deutschen Börsenliga vertreten sind. Die Zeit überdauert haben Allianz, BASF, Bayer, BMW, Continental, Daimler, Deutsche Bank, Henkel, Linde, RWE, Siemens und Volkswagen. Dagegen sorgte der DAX®­Aufstieg zweier Immobilienkonzerne jüngst für Aufsehen. Zunächst hatte es Vonovia als erster Immobilienkonzern in die erste deutsche Börsenliga geschafft. Am 22. Juni 2020 folgte die Indexaufnahme der Deutsche Wohnen. Die Nummer zwei der deutschen Immobilienbranche profitierte von der Fast­Exit­Regel, die die Lufthansa ihre DAX®­Mitgliedschaft kostete. Sowohl Vonovia als auch Deutsche Wohnen profitieren seit vielen Jahren von den niedrigen Zinsen und einem regelrechten Boom am deutschen Immobilienmarkt. Sie sind damit Ausdruck unserer Zeit und des vorherrschenden Niedrigzins­umfeldes. Noch stärker vertreten bleibt der Finanzsektor, obwohl dieser den Abgang der Commerzbank verkraften musste. Mit der Deutschen Bank hält sich das letzte Bankhaus tapfer in der ersten deutschen Börsenliga. Zum Finanzsektor stossen zudem der Erstversicherer Allianz, der Rückversicherer Munich Re und der Börsenbetreiber Deutsche Börse.

Fazit

Der Wirecard­-Bilanzskandal und die Insolvenz des Zahlungsabwicklers haben dem deutschen Finanzplatz sicherlich geschadet. Allerdings ist die deutsche Wirt­schaft zu gross und der deutsche Aktienmarkt insbe­sondere im europäischen Vergleich zu wichtig für einen nachhaltigen Schaden. Für die Erfolgsgeschichte DAX® könnte dies langfristig keine Auswirkungen haben.


21.10.2020 03:49:58

 

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