«Es könnten sehr gute Renditen erwirtschaftet werden – der Markt ist investierbar.»

Freitag, 17. November 2017Lesezeit: 4 Minuten

Für den Erfolg der Energiewende braucht es entsprechend dezentrale und reaktionsschnelle Speicher. Hier punkten zum Beispiel Lithium-Ionen- und Flow-Batterien oder Schwungräder, die überall eingesetzt werden können und Strom in sekundenbruchteilen aufnehmen oder abgeben können. - Ein Gespräch mit Dr. Tobias Reichmuth

Dr. Tobias Reichmuth

CEO und Gründer der SUSI Partners AG, die heute rund CHF 800 Millionen Einlagen managed. Er studierte an der Universität St. Gallen, promovierte an der European Business School und graduierte kürzlich von der Singularity University im Silicon Valley. Während seines Studiums gründete er ein erstes Unternehmen, welches er 2003 erfolgreich verkaufen konnte. Nach zwei Jahren bei The Boston Consulting Group fuhr Reichmuth mit einen alten Geländewagen in zwei Jahren um den Globus, wobei er Spendengelder für ein SOS-Kinderdorf Familienhaus in Vietnam sammelte.

Reichmuth verfasste verschiedene Artikel zum Thema Energiewende und gab den Sammelband «Die Finanzierung der Energiewende in der Schweiz» im NZZ-Verlag heraus. Neben SUSI amtet Reichmuth als Verwaltungsratspräsident der Crypto Finance AG und gründete The Singularity Fund AG mit. Als Bauherr hat er gezeigt, dass Klimaneutralität ohne Mehraufwand auch bei Mehrfamilienhäusern möglich ist.


Traditionelle Energiespeicherlösungen stossen an ihre Grenzen. Werden etablierte Player der alten Garde verschwinden?

«Es ist wichtig zu verstehen, dass die Energiewende zu einem zunehmenden dezentralisierten Energiemarkt mit instabiler Stromproduktion führt. Sonne und Wind produzieren Strom dezentral in meist kleineren Einheiten und nicht immer dann, wenn man ihn braucht – es kommt zu einem «Mismatch» zwischen Angebot und Nachfrage. Die heutigen Energiespeicher sind meist zentral (z.B. Stauseen in den Schweizer Bergen) und nur wenig flexibel. Sie können nicht auf die schnell ändernden Verfügbarkeiten von Solar- und Windstrom reagieren. Für den Erfolg der Energiewende braucht es entsprechend dezentrale und reaktionsschnelle Speicher. Hier punkten zum Beispiel Lithium-Ionen- und Flow-Batterien oder Schwungräder, die überall eingesetzt werden können und Strom in sekundenbruchteilen aufnehmen oder abgeben können. Um die grossen Schweizer Stauseen entsprechend ihren Kapazitäten und somit wirtschaftlich nutzen zu können, bräuchten wir eine höhere Übertragungskapazität aus dem Ausland, um zum Beispiel den deutschen Offshore-Windstrom speichern zu können. Es wird allerdings noch viele Jahre dauern, bis die notwendige Netzkapazität ausgebaut werden kann. Entsprechend setzen wir als langfristig orientierte Investoren auf schnell verfügbare dezentrale Speicher und nicht auf traditionelle Energiespeicher.»

«Investoren setzen auf schnell verfügbare Speicher, die überall eingesetzt werden können.»

Die potenziellen Vorteile der Energiespeicherung haben bereits viele Akteure angelockt und dem Segment Wachstum beschert. Welches weitere Potenzial besteht für die Batterieindustrie? Was sind die Risiken?

«Hier stehen wir noch sehr am Anfang. Das Wachstum des Sektors wird bis heute vor allem durch elektrische Autos bestritten. Hier haben wir ja den Peak noch sehr lange nicht erreicht. Im industriellen Speicherbereich, wo wir Multi-MW-Batterien finanzieren, hat das grossflächige Deployment gerade erst begonnen. Wir rechnen mit einer CAGR (Compound Annual Growth Rate) von rund 50% über die nächsten fünf bis sechs Jahre, was zu einem Investitionsbedarf von rund 150 Milliarden US Dollar führt. Die Batterieindustrie wird sich volumenmässig vervielfachen; gleichzeitig erwarten wir aber sinkende Preise bei zunehmender Effizienz. Ich persönlich sehe keinen Grund, wieso der Preis pro kWh-Speichereinheit nicht ähnlich schnell verfällt wie zwischen 2008-2015 bei Solarmodulen. Dies bedeutet, dass heute erfolgreiche Batterieproduzenten schnell ins Hintertreffen kommen können, wenn sie ihre Produktion nicht ständigen Effizienzmassnahmen unterziehen. Wie immer: Erst gibt es viele Produzenten, dann kommt es zu einer Konzentration und langfristig überleben fünf bis sechs globale Player im Hauptsegment und weiter 10-15 kleinere Nischenplayer für Spezialbatterien.»

Zu den Investoren: Weshalb ist das Thema «Energiespeicherung» aus Diversifikationsgesichtspunkten so interessant?

«Im heutigen Tiefzinsumfeld benötigen Investoren Alternativen zu den klassischen Bonds und anderen Fixed Income Instrumenten. Infrastrukturinvestitionen – und dazu gehören auch Energiespeicher – können hier attraktive Möglichkeiten zur Erzielung stabiler Renditen darstellen. Ein Energiespeicher hat eine klar definierte Lebensdauer, verfügt heute im Normalfall über eine belastbare Garantie und stellt somit eine fest berechenbare Grösse ohne kritische technische Risiken dar. Die meisten Geschäftsmodelle, die mit dezentralen Energiespeichern möglich sind, erlauben die Ausschüttung stabiler Erträge (SUSI hat hierzu eine Studie mit der ETH Zürich verfasst). Ebenfalls interessant ist die Tatsache, dass wir uns hier in einem sogenannten «Infrastruktur Pull-Market» befinden, das heisst ein Markt, wo die Infrastruktur aus physikalischer Notwendigkeit nachgefragt wird und nicht weil eine Regierung Investoren mit Subventionen lockt (was ein «Push-Market» wäre). Die physikalische Notwendigkeit resultiert aus den Produktionsschwankungen von Solar- und Windkraftwerken – die Netzbetreiber benötigen Energiespeicher, um die Netzstabilität gewährleisten zu können. Aus regulatorischen Risikoüberlegungen ziehen wir hier einen «Pull-Market» vor und sehen Investitionen in Energiespeicher als sehr attraktive Diversifikationsmöglichkeit für langfristig orientierte Investoren.»

«Der Markt ist ganz klar erwachsener geworden; die Risiken waren zuvor zu hoch.»

Wie haben sich Renditechancen und Verlustrisiken in den letzten Jahren entwickelt?

«Der Markt ist ganz klar erwachsener geworden, die Verlustrisiken haben abgenommen. Noch vor fünf Jahren konnte man bei dezentralen Energiespeicherprojekten nicht von Infrastrukturrisiken sprechen – die Risiken waren klar zu hoch. Es gab keine Garantien von Unternehmen mit genügend grossen Bilanzen, um in einem Garantiefall auch wirklich haften zu können. Zudem waren Batterien sehr teuer, was viele Geschäftsmodelle, die heute ertragsreich sind, verunmöglicht hatten. In beiden Fällen hat sich sehr viel entwickelt: heute werden Batterien mit 10-15-jährigen soliden Garantien von grossen Unternehmen wie Panasonic oder General Electric bereitgestellt. Gleichzeitig konnten Skalenerträge durch immer grössere Batterieproduzenten (Stichwort «Giga-Factory») und Einsparungen durch steile Lernkurven realisiert werden. Heute und wohl für die nächsten zwei bis drei Jahre könnten sehr gute Renditen erwirtschaftet werden – der Markt ist investierbar, aber noch hält sich die Anzahl der interessierten Investoren und finanzierenden Banken stark in Grenzen. Das ermöglicht es, bei überschaubaren Risiken sehr gute Renditen zu erzielen. Kurz: der Zeitpunkt für Infrastrukturinvestitionen im dezentralen Energiespeicherbereich ist sehr gut.»

Woher stammt Ihre profunde Expertise im Bereich der Energiespeicherlösungen?

«Wir befassen uns immer detailliert mit einem Thema, bevor wir investieren. Den dezentralen Speichermarkt beobachten wir seit 2010. Bereits 2014 haben wir mit der ETH Zürich und dem Bundesamt für Energie ein Forschungsprojekt definiert und finanziert, um die verfügbaren Technologien und die möglichen Geschäftsmodelle im dezentralen Energiespeicherbereich analysieren zu können. Seit Ende 2015 haben wir ein unterdessen starkes Spezialistenteam aufgebaut, das sich sehr eng mit allen relevanten Marktteilnehmern vernetzt hat – und viele dieser Marktteilnehmer kommen aus der erneuerbaren Energiebranche, in der wir uns bei SUSI seit langem sehr aktiv bewegen.»

Hier geht es zum Themeninvestment-Artikel: Das Depot aufladen – mit Batterien

15.12.2019 02:29:09

 

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