Elektrofahrzeuge: Unaufhaltsame Entwicklung?

Elektrofahrzeuge: Unaufhaltsame Entwicklung?

Donnerstag, 20. Mai 2021Lesezeit: 6 Minuten

Tesla steht derzeit stellvertretend für den Boom bei Elektrofahrzeugen. Allerdings ist der kalifornische Elektrowagenbauer bei weitem nicht allein, wenn es darum geht, von den Wachstumsaussichten im Bereich Elektromobilität zu profitieren.

Der Elektroautomarkt boomt

Trotz seines rasanten Wachstums befindet sich der Elektroautomarkt immer noch in einem eher frühen Sta­dium. Gemessen an der Anzahl der den Kunden zur Ver­fügung stehenden Automodelle mit einem Diesel­ oder Benzinantrieb bleibt die Zahl der batteriebetriebenen Elektroautos und Plug­In ­Hybride sehr gering. Es scheint jedoch kaum noch Zweifel daran zu geben, wohin sich der Markt entwickelt. Einige Automobilhersteller experi­mentieren zwar immer noch mit weiteren Antrieben wie der Brennstoffzelle, die Elektromobilität scheint jedoch nicht aufzuhalten zu sein. Dies wird unter anderem durch einen Blick auf die enormen Investitionssummen deutlich, die die grössten Automobilkonzerne der Welt für die Ent­wicklung neuer Elektroautomodelle aufwenden. Zudem werden am Markt immer mehr Wachstumshindernisse aus dem Weg geräumt.

Zu den grössten Hindernissen zählt das immer noch fehlende flächendeckende Netz von Ladestationen. Dies ändert sich allmählich. Auch das Wirrwarr um verschie­dene Labels soll ein Ende haben. Seit Oktober 2018 sind in der EU verbindlich neue und harmonisierte Kraftstoff­ Etiketten vorgeschrieben. Kunden sollen nicht mehr vor der Tankzapfsäule stehen und sich fragen müssen, wel­cher Kraftstoff denn der richtige ist. Seit 20. März 2021 gilt eine ähnliche Verordnung im Fall von Elektrofahrzeugen. Damit wurde auf die steigende Zahl von Elektroautos und Plug­In ­Hybriden sowie die zunehmende Zahl von Lade­stationen reagiert.

Ladesäuleninfrastruktur braucht einen «Masterplan»

Fahrer von Elektrofahrzeugen sollen laut der Verordnung besonders einfach die für ihr Auto richtige Auflade­Option wählen können. Die entsprechenden Label sollen bei Neufahrzeugen an den Fahrzeug­Ladevorrichtungen, den Ladesteckern, Kabeln, in der Betriebsanleitung oder im elektronischen Handbuch sowie natürlich an den E­Ladesäulen angebracht werden. Das Aufladen soll nicht nur übersichtlicher werden, Regierungen sind bestrebt, das Aufstellen von Ladesäulen zu fördern. Laut «Masterplan Ladesäuleninfrastruktur» der deutschen Bundesregierung soll es im ganzen Land bis 2030 insgesamt eine Million Ladepunkte geben. Gefördert werden auch private Lade­möglichkeiten genauso wie Ladepunkte an Kundenparkplätzen.

Die Automobilwirtschaft will bis 2022 rund 15'000 öffentliche Ladepunkte und bis 2030 etwa 100'000 Lade­punkte auf ihren Betriebsgeländen und beim angeschlos­senen Handel beisteuern. An allen Tankstellen soll man künftig Batteriefahrzeuge laden können. Grössere Park­plätze, die zu Wohn­, Firmen­ oder sonstigen Gebäuden gehören, müssen künftig mit Ladeinfrastruktur ausge­stattet werden. In Deutschland werden ausserdem Käufe von Elektro­ oder Brennstoffzellen­Autos mit bis zu 6'000 Euro gefördert. Bis Ende 2021 steigt die Prämie als Teil eines Umweltbonus im Konjunkturpaket zur Abfederung der Corona­Krise auf bis zu 9'000 Euro. Ein Hybridelektro­fahrzeug wird immerhin noch mit 4'500 Euro bezuschusst.

Darüber hinaus gelten steuerliche Anreize. Zudem bleiben E­Autos bis 2025 von der Kfz­Steuer befreit. Schliesslich sollen bis 2030 laut Plänen der Bundesre­gierung sieben bis zehn Millionen Elektrofahrzeuge in Deutschland zugelassen sein. Die Schweiz geht einen etwas anderen Weg. Bis 2022 soll der Anteil der Elektro­fahrzeuge an den Neuzulassungen auf 15 Prozent anstei­gen. Es wird jedoch auf Kaufanreize und nicht auf Prämien gesetzt. Zu den Vergünstigungen zählt zum Beispiel die Befreiung von der Automobilsteuer. Der Bund will sich dagegen für den Ausbau der Ladeinfrastruktur einsetzen. Zum Beispiel mit Pilot­ und Demonstrationsprojekten, der Beratung von Gemeinden, Unternehmen, Immobilien­besitzern und der Bevölkerung.

Absätze kommen in Schwung

Die Corona­Pandemie traf die Automobilbranche hart. Allerdings bot die Krise den Elektroautos auch die Möglichkeit beim Marktanteil aufzuholen. Laut Statistiken des Branchenverbandes ACEA (European Automobile Manufacturers' Association) war im vierten Quartal 2020 fast jedes sechste (16.5 Prozent) neu zugelassene Auto in der EU elektrisch aufladbar (BEV, batterieelektrische Fahrzeuge + Plug­In ­Hybride). Im Gesamtjahr 2020 lag dieser Anteil bei 10.5 Prozent, nachdem er 2019 noch bei lediglich 3.0 Prozent gelegen hatte.

Die Elektroautos konnten ihren Marktanteil unter anderem wegen der verschiedenen Kaufanreize als Teil der europaweiten Corona­Hilfspakete steigern. Bei den batterieelektrischen Fahrzeugen, häufig auch als «reine Elektrofahrzeuge» bezeichnet, lag das Absatzplus auf Gesamtjahressicht bei 216.9 Prozent, während die Verkäufe von Plug­In ­Hybriden sogar um 331.0 Prozent zulegen konnten. Die Absätze von Dieselautos und Ben­zinern schrumpften dagegen Corona­bedingt deutlich um 23.0 bzw. 33.7 Prozent.

Norwegen zeigt, wie es geht

Wenn es um europäische und weltweite Musterschüler in Sachen Elektromobilität geht, ist der Spitzenreiter nicht in der EU zu finden. Ausgerechnet das Ölförderland Nor­wegen übernimmt die Spitzenposition in Europa bei der Elektrorevolution. Bereits 2019 war mehr als jedes zweite (53.3 Prozent) neu zugelassene Fahrzeug in Norwegen ein Elektroauto. In Deutschland, einem Land, das traditio­nell auf seine Errungenschaften im Bereich Erneuerbare Energien stolz ist, lag dieser Anteil 2019 lediglich bei 3.1 Prozent, stieg 2020 jedoch laut Statistiken des Kraftfahrt­ Bundesamtes (KBA) auf 13.5 Prozent aller in Deutschland neu zugelassenen Pkw an.

Bei einem anhaltenden Zulassungstrend der Fahr­zeuge mit elektrischen Antrieben von rund 22 Prozent wie im letzten Quartal 2020 könne das von der Bundesregierung formulierte Ziel von sieben bis zehn Millionen zugelassenen Elektrofahrzeugen in Deutschland bis zum Jahr 2030 laut KBA­-Präsident Richard Damm erreicht werden. Trotzdem kommt Deutschland nicht an Norwegen heran. Ziel der norwegischen Regierung ist, dass bis 2025 alle verkauften Neuwagen emissionsfrei sind. Die Regie­rung hat auch bereits Anfang der 1990er Jahr damit begonnen, den Umstieg zu fördern. Seit 1990 werden keine Kauf­ oder Importsteuern erhoben, seit 2001 sind Elektroautos von der 25­prozentigen Mehrwertsteuer befreit. Die jährliche Kfz­-Steuer entfällt seit 1996. Zudem wurden zwischen 1997 und 2017 keine Gebühren auf Mautstrassen erhoben. Zwischen 1990 und 2017 durfte auf öffentlichen Parkplätzen kostenlos geparkt werden. Gültigkeit hat immer noch die seit 2005 geltende Erlaub­nis, auf Busspuren zu fahren.

Die norwegische Regierung erhöht nicht nur die Attraktivität von Elektroautos, progressive Steuersätze machen Autos mit hohen Abgasen sehr teuer. Darüber hinaus tut Norwegen viel für sein Netz von Ladestationen. Derzeit können mehr als 10'000 öffentlich zugängliche Ladestationen und mehr als 1'500 Autos gleichzeitig und schnell geladen werden. Norwegen ist jedoch nicht allein. Immer mehr Länder folgen dem norwegischen Beispiel. Bis 2030 wollen Dänemark, Island, Irland, die Niederlande, Schweden, Slowenien und die chinesische Provinz Hainan nur noch emissionslose Autos verkaufen lassen. 2035 fol­gen Grossbritannien, Québec und Kalifornien.

Die Kosten sinken

Angesichts verschiedener Regulierungen haben Automo­bilkonzerne keine andere Möglichkeit, als ihre Produktions­kapazitäten im Bereich Elektroautos deutlich anzukurbeln. Zumal die traditionellen Branchengrössen insbesondere von Tesla gehörig unter Druck gesetzt wurden. Obwohl der kalifornische Elektrowagenbauer 2020 lediglich knapp 500'000 Autos absetzte, wird der Konzern an der Börse höher bewertet als eine Vielzahl von Konkurrenten wie Toyota, Volkswagen, Renault­Nissan und einige andere zusammen. Dabei verkaufen diese jedes Jahr mehrere Millionen Fahrzeuge. Auch deshalb gehen Prognosen laut BloombergNEF davon aus, dass Elektrofahrzeuge spätes­tens 2037 die Verkäufe von konventionellen Autos mit Verbrennungsmotor übertreffen werden. China dürfte dabei den Anteil der Elektroautos an den Neuzulassungen von Pkw am schnellsten steigern, gefolgt von Europa und den USA. Trotz der starken Zukunftsaussichten heisst dies nicht, dass der Boom ohne Hindernisse ablaufen wird.

Hinsichtlich ihrer Betriebskosten sind E-­Fahrzeuge bereits heute wettbewerbsfähig, in der Anschaffung ist jedoch noch etwas Luft nach oben vorhanden. Um noch attraktiver zu werden, müssen vor allem die Batterie­kosten weiter sinken. Der Trend ist positiv. Der Preis für einen Batteriesatz ist von über 1'000 US­Dollar pro Kilo­wattstunde (USD/kWh) im Jahr 2010 auf USD/kWh 156 in 2019 gefallen. Dies entspricht einer Reduktion von jährlich 20 Prozent. Nach Schätzungen der Internatio­nalen Energieagentur sollte der Vorsteuerpreis von Elek­troautos innerhalb der nächsten fünf Jahre mit jenem von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor vergleichbar werden, selbst wenn sich die Tendenz der sinkenden Kosten für Batterien verlangsamen sollte. Angesichts des erwar­teten Wachstums der Elektroautobranche ist es wenig überraschend, dass E­Mobilität derzeit zu den heissesten Börsenthemen gehört. Nur ein Ausdruck davon sind die unglaublichen Kurskapriolen der Tesla­Aktie. Allerdings profitieren nicht nur Produzenten von Elektroautos von dem anhaltenden Boom.

Fazit

Die Verbreitung von E­-Fahrzeugen auf dem Massenmarkt wird vom Fortschritt in der Batterietechnologie bestimmt. Zulieferer von Komponenten für Elektroautos dürfen sich, genauso wie die Elektroautoproduzenten, über steigende Aufträge freuen. Ausserdem stehen die Batterieproduzen­ten im Fokus, genauso wie Rohstoffunternehmen und Firmen aus der Materialverarbeitung. Die Nachfrage nach Nickel, Lithium und Kobalt für Elektrofahrzeuge wird stark ansteigen und mögliche temporäre Lieferengpässe könn­ten Preisanstiege verursachen. Neben Nickel, Lithium und Kobalt ist auch Kupfer stark gefragt. Das Metall kommt in Elektroautos noch mehr zum Einsatz als in herkömmlichen Fahrzeugen. Laut Branchenverband der Kupferindustrie, der International Copper Association (ICA), sind in einem Auto mit Verbrennungsmotor rund 23 kg Kupfer zu finden, bei batteriebetriebenen Elektrofahrzeugen liegt der Wert bereits bei rund 83 kg. Zu guter Letzt benötigen Elektro­autos natürlich eine umfangreiche Infrastruktur von Ladestationen. Diese müssen erst noch errichtet und später auch betrieben werden. Aus diesen Branchen hat Vontobel den Electric Vehicle Basket mit 32 Unternehmen, die in besonderer Weise von dem erwarteten Elektro­auto­Boom profitieren könnten, zusammengestellt.


22.10.2021 23:43:29

 

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