Donald Trumps erste 100 Tage: Die Realität schlägt zurück

Donnerstag, 4. Mai 2017 von Christophe BernardLesezeit: 3 Minuten

 
Der Einzug von Donald Trump ins Weisse Haus weckte die Erwartung, dass er die Wirtschaft grundlegend erneuern würde. Doch nun muss der 45. Präsident der Vereinigten Staaten auf schmerzhafte Weise erfahren, dass sein Durchsetzungsvermögen in Washington auf eine harte Probe gestellt wird. Da hilft es auch nicht, dass die Republikaner im US-Kongress die Mehrheit haben.

Mittlerweile sind die Erwartungen bezüglich einer raschen Umsetzung der Steuerreform, der Deregulierung und der immensen Infrastrukturinvestitionen infolge politischer Ablehnung und administrativer Verzögerungen sukzessive gesunken.

Innen- und aussenpolitische Kehrtwenden

Am besten veranschaulicht dies das Versagen der Regierung, Barack Obamas Gesundheitsreform (Affordable Care Act, «Obamacare») wieder abzuschaffen und zu ersetzen, was unter vielen konservativen Wählern Bestürzung auslöste. Weitere bekannte Beispiele sind die Bereiche Steuern und Infrastruktur, wo bislang nur wenig konkrete Fortschritte erzielt wurden. Ebenso stehen die zuletzt versöhnlichen Töne zum internationalen Handel in einem scharfen Kontrast zu den früheren protektionistischen Aussagen des Präsidenten.

Dieses Muster ist auch an der geopolitischen Front erkennbar. Bemerkenswert ist Donald Trumps Meinungsänderung bezüglich Einsätzen in Konfliktgebieten. So befahl er etwa einen Luftangriff auf Syrien und redete Klartext mit Nordkorea. Er ist zudem bereit, China in Handelsfragen entgegenzukommen, sofern die chinesische Regierung ihre nordkoreanischen Protegés zügelt. Dass das US-Finanzministerium davon abgesehen hat, China als Währungsmanipulator zu bezeichnen, wird als Verhandlungsmasse in einem grösseren geopolitischen Pokerspiel genutzt. Ob Trump mit dieser von ihm gepflegten «Kunst des Deals» auf der geopolitischen Bühne erfolgreich sein kann, ist offen.

Ende des «Trump Trade» auf den US-Märkten

Donald Trump ist es bislang eindeutig nicht gelungen, seinen «Vertrag mit dem amerikanischen Wähler» einzulösen. Dieses Dokument, als Aktionsplan für die ersten 100 Tage der Regierung konzipiert, hätte den Weg Amerikas zu alter Grösse vorzeichnen sollen. Insofern funktioniert der sogenannte Trump Trade – höhere Staatsanleihenrenditen, ein stärkerer US-Dollar und US Small Caps, die besser abschneiden als Aktien von Unternehmen mit einer grossen Marktkapitalisierung – nur noch teilweise oder überhaupt nicht mehr (siehe Grafik 1).

Interessanterweise besteht ein scharfer Kontrast zwischen den sinkenden Zustimmungsraten für Trump und dem von der Öffentlichkeit als sehr günstig beurteilten Geschäftsklima (siehe Grafik 2). Der zügige Erlass von Dekreten zu Themen wie Energie, Schadstoffemissionen von Fahrzeugen, Medien, Telekommunikation und Bauwesen hat wahrscheinlich zu dieser guten Stimmung beigetragen. Hinzu kommt der zunehmend breitere weltweite Aufschwung, der bereits vor der US-Wahl einsetzte. Der Fairness halber sei angemerkt, dass dem US-Präsidenten die gesetzlichen oder institutionellen Befugnisse fehlen, um weitreichende Wirtschaftsreformen im Alleingang durchzusetzen. Zudem geben generell langfristige strukturelle Trends wie Demografie, technologischer Fortschritt oder Produktivitätswachstum die Richtung für die US- und Weltwirtschaft vor.

Grafik 1: Euphorie bei US-«Small Caps» im Nachgang der Präsidentschaftswahl ist verflogen

Quelle: Thomson Reuters Datastream, Vontobel Asset Management

Europa atmet nach den Wahlen in Frankreich durch

Der Ausgang der ersten Wahlrunde bei der französischen Präsidentschaftswahl entsprach unserem Basisszenario (siehe Investors’ Outlook vom 3. April «In Frankreich dürfte die Welle des Populismus verebben») und den Erwartungen des breiteren Markts: Der Zentrumskandidat Emmanuel Macron und die rechtspopulistische Kandidatin Marine Le Pen ziehen in den zweiten Wahlgang vom 7. Mai ein, wobei ersterer als klarer Favorit gilt. Bei sonst gleichen Bedingungen erwarten wir von einem Sieg Macrons eine ansprechende Entwicklung von Anlagen aus der Eurozone, von «peripheren» Staatsanleihen bis hin zu Bankaktien und dem Euro. Das Damoklesschwert, das über dem europäischen Projekt schwebt, würde somit beseitigt. Die italienischen Parlamentswahlen, die spätestens im Mai 2018 stattfinden, bleiben angesichts der breiten Unterstützung für eine Protestpartei das politische Hauptrisiko.

Wir halten vorerst an unserer Portfoliopositionierung fest. Bei Aktien sind wir generell neutral positioniert, im Kredit-Bereich (Unternehmens- und Schwellenländeranleihen) «übergewichtet» und bei Staatsanleihen der Kernindustrieländer wie USA und Deutschland «stark untergewichtet». Das globale Umfeld bleibt für riskante Vermögenswerte günstig. Dafür sorgen die ziemlich robusten Unternehmensgewinne und die nach wie vor expansive Geldpolitik der wichtigsten Notenbanken. Die Bewertungen sind derzeit jedoch alles andere als attraktiv, was das Aufwärtspotenzial begrenzt.

Grafik 2: Zustimmung für US-Präsident Trump sinkt trotz positiven Konjunkturnachrichten

Quelle: Real Clear Politics, Bloomberg, Vontobel Asset Management


07.12.2019 21:34:15

 

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