Die Zukunft der deutschen Automobilbranche

Die Zukunft der deutschen Automobilbranche

Dienstag, 13. Oktober 2020Lesezeit: 3 Minuten

Jahrelang hatte Tesla die Bühne bei der Elektromobilität fast für sich allein. Dies ändert sich derzeit radikal. Weltweit springen Automobilhersteller auf den Zug auf und entwickeln elektrisch angetriebene Modelle. Besonders im Fokus stehen die deutschen Branchengrössen Daimler, BMW und Volkswagen, die in der Vergangenheit mit anderen den Ton angegeben haben.

Vor der Haustür

Am 10. September twitterte Elon Musk: «Bitte arbeiten Sie bei Tesla Giga Berlin! Es wird super Spass machen! » Auf diese Weise warb der Tesla-Chef um Mitarbeiter für die Gigafactory 4 des kalifornischen Elektrowagenbauers und das Projekt Tesla Gigafactory Berlin-Brandenburg. Die Fabrik entsteht in Grünheide im Landkreis Oder-Spree in Brandenburg. Im Sommer 2021 soll die Produktion mit Teslas vollelektrischem Mittelklasse-SUV «Model Y» los¬gehen. Während Elon Musk mit seinem Tweet in gebro¬chenem Deutsch einige Sympathiepunkte eingesammelt haben sollte, dürfte den grossen deutschen Automobilkonzernen BMW, Daimler oder Volkswagen weniger zum Lachen zumute sein. Schliesslich macht sich Tesla aus¬gerechnet in der Nähe der deutschen Hauptstadt breit. Eine Kampfansage an die deutsche Automobilindustrie.

Automobilkonzerne und Zulieferer gehören zu den grössten deutschen Arbeitgebern. Politische Entscheidungen werden auch immer mit einem Blick auf die Aus¬wirkungen für die Autobauer getroffen. Und nun taucht plötzlich Tesla auf und mischt den Automobilstandort Deutschland auf. Dies, nachdem das Unternehmen alteingesessene Branchengrössen in den vergangenen Jahren bereits vor sich hergetrieben und wie kaum ein anderes auf Elektromobilität gesetzt hatte. Erst spät nahmen die traditionellen Autohersteller den Trend ernst. Tesla hat sich einen technologischen Vorsprung von meh¬reren Jahren erarbeitet. Diesen Rückstand gilt es für die deutschen Autobauer, die sich traditionell an der Spitze der weltweiten Automobilindustrie sehen, erst einmal mithilfe milliardenschwerer Investitionen aufzuholen.

Die grösste E-Offensive der Automobilindustrie

Trotz ihres Rückstandes scheinen die deutschen Auto¬bauer fest entschlossen zu sein, Tesla in der Welt der elektrischen Antriebe von morgen nicht kampflos das Feld zu überlassen. Volkswagen meint es dabei besonders ernst. Der gemessen an der Zahl der verkauften Autos grösste Automobilkonzern der Welt hat unlängst eine E-Offensive gestartet. Die Wolfsburger bezeichnen diese selbst als die grösste E-Offensive der Automobilindustrie. Insgesamt sollen rund 33 Mrd. Euro investiert werden. Auch weil sich das Unternehmen auf diese Weise besonders gut von den Nachwirkungen des Diesel-Skandals lösen und neben der Verteidigung des Absatz-Throns auch einen Imagegewinn verbuchen könnte. Bis 2029 bringt Volkswagen konzernweit bis zu 75 reine E-Modelle auf den Markt. Die globale Premiummarke Audi ist dabei ebenso aktiv wie die tschechische Marke Skoda. 2025 will allein die Marke Volkswagen weltweit mehr als eine Million E-Autos pro Jahr verkaufen.

Los geht es in diesem Jahr mit der neu entwickelten, vollelektrischen Modellfamilie ID. Mitte September wurden die ersten in Zwickau produzierten Volkswagen ID.3 an Kunden ausgeliefert. Die erste Überfahrt in die Schweiz hielt sogar einen Reichweitenrekord bereit. Der Schweizer «Hypermiler» Felix Egolf legte die 531 Kilome¬ter lange Strecke von Zwickau nach Schaffhausen dank des Einsatzes einer besonders sparsamen Fahrweise mit nur einer Batterieladung zurück. Die offizielle Reichweite des Modells beträgt bis zu 420 Kilometer. Während sich VW dank seiner E-Offensive sehr gut aufgestellt sieht, scheint der Konzern kurzfristig auch Corona relativ gut überstehen zu können. Im Zuge der Berichterstattung zum ersten Halbjahr 2020 hiess es von Managementseite, dass man aufgrund des positiven Trends des Geschäfts in den letzten Wochen und der Einführung zahlreicher attraktiver Modelle vorsichtig optimistisch auf das zweite Halbjahr blicken würde.

Daimler und BMW setzen auf das Premiumsegment

Unter Konzernchef Dieter Zetsche konnte sich die Daim¬ler-Tochter Mercedes-Benz in den vergangenen Jahren den Thron im Premiumsegment zurückholen und BMW sowie Audi bei den Verkaufszahlen übertreffen. Inzwischen sitzt Zetsche nicht mehr auf dem Vorstandschef¬posten. Zudem gilt es, die erlangte Marktposition im anbrechenden Zeitalter der Elektromobilität zu verteidigen. Dies wird alles andere als leicht. Mit dem EQC haben die Schwaben ein vollelektrisches Modell auf den Markt gebracht. Allerdings konnten die Verkaufszahlen zuletzt nicht überzeugen. Zwischen Januar und August 2020 wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt 1’014 Einheiten neu zugelassen. Möglicherweise ein Grund, warum sich Daimler derzeit besonders gerne mit einem anderen Zukunftsthema, Wasserstoff, beschäftigt.

BMW konnte bis August 3’944 Einheiten des i3 und 2’031 Elektro-Fahrzeuge der Marke Mini absetzen. Dane¬ben konzentrieren sich die Münchner vor allem auf ihre Plug-in-Hybrid-Fahrzeugflotte, immerhin laut eigener Darstellung die grösste auf dem Automobilmarkt. Dabei gehört BMW zu den elektrischen Vorreitern. 2013 brachte BMW mit dem i3 das erste vollelektrische Serienauto eines deutschen Herstellers heraus. Trotzdem traut sich der Konzern nicht, nur noch voll elektrisch zu fahren. Vielmehr ist das Management überzeugt, dass künftig verschiedene alternative Antriebsformen nebeneinander existieren werden. Um davon zu profitieren, sollen bis 2025 mehr als 30 Mrd. Euro für Forschung und Entwicklung aufgewendet werden. In zehn Jahren sollen insgesamt mehr als sieben Millionen elektrifizierte Fahrzeuge der BMW Group auf den Strassen unterwegs sein – davon etwa zwei Drittel mit vollelektrischem Antrieb.

Fazit

Die deutschen Automobilkonzerne BMW, Daimler und Volkswagen müssen sich mächtig anstrengen, um auch in einer von elektrischen Antrieben geprägten Automobil¬welt führend zu sein. Nachdem sie lange gezögert und Konkurrenten wie Tesla scheinbar unterschätzt haben, scheinen sie nun die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Bleibt nur die Frage, ob die Einsicht nicht vielleicht zu spät kam.

01.12.2020 00:48:05

 

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