«Die Schweizerische Nationalbank hat genau richtig gehandelt.»

Dienstag, 3. Februar 2015Lesezeit: 3 Minuten

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Otmar Issing

Präsident des Center for Financial Studies, Frankfurt am Main

Otmar Issing war von 1998 bis 2006 Chefvolkswirt und Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB). Davor war er seit 1990 Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bundesbank. Professor Issing gilt als Vater des geldpolitischen Strategieentwurfes der EZB. Von 1967 bis 1973 lehrte und forschte er als Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg, von 1973 bis 1990 an der Universität Würzburg.

Neben zahlreichen wissenschaftlichen Beiträgen veröffentlichte er die Lehrbücher «Einführung in die Geldtheorie» und «Einführung in die Geldpolitik», die mittlerweile in der 15. beziehungsweise in der 6. Auflage vorliegen. Sein Buch «Der Euro – Geburt, Erfolg, Zukunft» erschien 2008.

Mit der Finanzkrise im Jahr 2008 wurde Otmar Issing Vorsitzender der von Bundeskanzlerin Angela Merkel berufenen Expertenkommission für eine neue Finanzarchitektur und Mitglied der High Level Group der Europäischen Kommission unter dem Vorsitz von J. De Larosière.

Otmar Issing hat bedeutende Ehrungen und wissenschaftliche Preise erhalten, darunter das Grosse Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

 

derinews: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von der Aufhebung des Franken- Mindestkurses zum Euro erfuhren?

Ehrlich gesagt – ich habe an unseren traditionellen Sommerurlaub in der Schweiz gedacht. Wir haben schon einmal erlebt, dass sich der Aufenthalt wegen der stetigen Aufwertung des Frankens merklich verteuert hat.

 

derinews: Nur zehn Tage vor diesem Schritt hatte die SNB den Mindestkurs als probates Mittel der Geldpolitik verteidigt. Was bedeutet dieser abrupte Sinneswandel für die künftige Glaubwürdigkeit von Notenbanken generell?

Man kann wohl kaum von einem abrupten Sinneswandel sprechen. Die SNB stand schon seit einiger Zeit vor der Frage, wie lange sie an der Fixierung des Wechselkurses festhalten kann beziehungsweise soll. Es ist nun einmal ein unvermeidliches Element eines Festkurssystems, dass Änderungen ohne Vorankündigung, also überraschend, erfolgen müssen. Insofern hat die SNB genau richtig gehandelt.

 

derinews: Hat die SNB-Entscheidung Auswirkungen auf die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank?

Es ist eher andersherum. Durch die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank ist der Franken immer stärker unter Aufwertungsdruck geraten. Die Erwartung auf Anleihekäufe durch die EZB hat die Situation weiter verschärft. Die Abwertung des Euro gegenüber dem Schweizer Franken setzt einen weiteren Impuls für die Exporte des Euroraumes und spielt der EZB in die Karten.

 

derinews: Anleger klagen bereits schon seit längerem über niedrige Zinsen. Wie lange wird die Tiefzinsphase Ihrer Meinung nach noch andauern?

Wer wollte hier nach den Erfahrungen der Vergangenheit noch eine Prognose riskieren? Wie oft haben sich etwa die Erwartungen auf eine Zinserhöhung durch die Fed nach hinten verschoben? Wegen der führenden Rolle der amerikanischen Notenbank wird die Zinsentwicklung in der Welt entscheidend von deren Kurs abhängen.

 

derinews: Müssen sich Investoren darauf einstellen, für die Aufbewahrung ihrer Gelder bei Banken über längere Zeit «Gebühren» in Form von Negativzinsen zu zahlen?

Das kann ich mir generell schwer vorstellen. Negative Einlagenzinsen sind vor allem ein Instrument zur Abwehr von Geldzuflüssen aus dem Ausland.

 

derinews: Können Spar- und Termineinlagen sowie klassische Anleihen in Zukunft überhaupt noch als adäquate Renditequellen fungieren?

Der gegenwärtige Ausnahmezustand wird nicht ewig anhalten. Solange aber die führenden Notenbanken an ihrer Nullzinspolitik festhalten, wird sich an der aktuellen Situation nichts Wesentliches ändern. Die Frage wird sein, inwieweit sich die Struktur der Finanzmärkte in der Zwischenzeit gewandelt hat.

 

derinews: Lohnt sich der Negativzins überhaupt? Damit soll ja eigentlich das Wirtschaftswachstum angekurbelt werden. Ist dies der Fall?

Ein leicht negativer Zins hat so gut wie keinen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum. Das ist auch den Notenbanken bewusst. Sie machen von diesem Instrument Gebrauch, um die Banken von Einlagen bei der Notenbank abzuhalten und stattdessen Kredite an die Wirtschaft zu vergeben. Von einem durchschlagenden Erfolg dieser Massnahme wird man aber kaum sprechen können.

 

derinews: Schaffen die Negativzinsen nicht lediglich einen kurzfristigen Stimulus? Und sind es im Fall von Europa nicht eher Strukturreformen, die gebraucht werden?

Ein merklicher Impuls ist nicht festzustellen. Schon gar nicht sind negative Zinsen ein Ersatz für die dringend erforderlichen strukturellen Reformen.

 

derinews: Glauben Sie, dass die Eurozone die Reformen durchführen und so gestärkt aus der gegenwärtigen Krise hervorgehen kann?

Unter dem Druck der Auflagen haben Länder wie Spanien und Portugal tiefgreifende Reformen durchgeführt. Das gilt nicht zuletzt auch für Griechenland, wo der Reformbedarf aber auch gewaltig ist. Frankreich und Italien bleiben die grossen Sorgenkinder in der Eurozone.

 

derinews: Welche langfristige Stellung sehen Sie für den Euro innerhalb des globalen Währungsgefüges? Wird sich der Euro gegen den US-Dollar oder gar den chinesischen Renminbi behaupten können?

Der Euro wird auf absehbare Zeit seine Rolle als nach dem US-Dollar zweitwichtigste Währung in der Welt behaupten. Die chinesische Währung sollte weiter an Boden gewinnen, doch bleibt abzuwarten, ob und wie schnell der Renminbi sein Potenzial entfalten kann.

 

derinews: Die Märkte setzen auf einen Anstieg der Leitzinsen in den USA. Welche Auswirkungen hätte dies auf den Euro und den Schweizer Franken?

Die Erwartung auf steigende Zinsen in den USA im Vergleich zum Euroraum hat längst ihre Spuren hinterlassen und zur Abwertung des Euro beigetragen. Inwieweit das hohe Vertrauen der Anleger in den Schweizer Franken dieser Tendenz entgegenwirkt, ist schwer abzuschätzen.

26.01.2020 17:16:59

 

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