«Die Blockchain hat das Potenzial, zur Schlüsseltechnologie der nächsten Jahre zu werden»

Montag, 19. März 2018Lesezeit: 4 Minuten

Warum ist Blockchain in aller Munde?

Sandner: Das grosse Interesse an der Blockchain und die damit einhergehende rege Berichterstattung ist zu grossen Teilen eine Auswirkung der derzeit hohen Marktkapitalisierungen der sogenannten Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum. Dies ist jedoch nur ein Anwendungsfall der Blockchain-Technologie. Auch in anderen Bereichen wie Energie, Mobilität und Industrie 4.0 hat sie das grosse Potenzial, Geschäftsprozesse zu revolutionieren und die Schlüsseltechnologie der nächsten zehn bis zwanzig Jahre zu werden.

Prof. Dr. Philipp Sandner leitet das Frankfurt School Blockchain Center an der Frankfurt School of Finance & Management, welches im Februar 2017 initiiert wurde. Zu seinen Themengebieten gehören Blockchain, Kryptowährungen, Digitalisierung und Entrepreneurship. Herr Prof. Dr. Sandner ist im FinTechRat des Bundesministeriums der Finanzen. Er ist Mitgründer einer auf Innovation und Technologietransfer spezialisierten Unternehmensberatung. Weiterhin war er an der Technischen Universität München und der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig und forschte am Berkeley Center for Law & Technology. Zuvor studierte er Betriebswirtschaftslehre mit Wirtschafts­informatik an der Universität Mannheim.


Weshalb ist es eine bahnbrechende Technologie? Worin liegt der Nutzen?

Schulden: Die Blockchain-Technologie ist ein Protokoll, welches den dezentralen, sicheren und direkten Austausch digitaler Werte ohne Intermediär ermöglicht. Wertübertragungen geschehen heute immer noch physisch oder es wird ein Intermediär benötigt, welcher die Transaktion aufzeichnet und verifiziert. Im Falle der Blockchain wird der Intermediär nun durch ein gemeinsam geführtes Kassenbuch der Netzwerkteilnehmer ersetzt und so eine gemeinsame Wahrheit hergestellt. Daten innerhalb der Blockchain werden so vor Missbrauch und Fälschung Dritter geschützt.

Inwiefern entsteht mit ihr ein eigenes Ökosystem?

Sandner: Crypto Assets entwickeln sich zu einer völlig neuen Asset-Klasse. Daraus entsteht zunehmend ein eigenes Ökosystem mit allen Geschäftsmodellen, die wir aus dem traditionellen Finanzmarkt kennen. Jedoch entstehen auch ausserhalb des Finanzmarktes spannende Anwendungsmöglichkeiten, in welchen Finanzprozesse ebenfalls eine Rolle spielen. Hier erstrecken sich die Anwendungsfälle von Industry 4.0 bis hin zu Mobility und Health Care.

Wer sind vorraussichtliche Gewinner, wer die Verlierer?

Schulden: Industrienahe Banken oder Finanzabteilungen wie die BMW Bank oder Siemens Financial Services haben das Potenzial, von der kommenden Evolution im Finanzsektor zu profitieren. Geschäftsbanken und andere reine Finanzorganisationen könnten durch die Schwächung ihrer Intermediärsstellung Einbussen in Kauf nehmen müssen und Marktanteile verlieren. Die Blockchain-Technologie wird in naher Zukunft eine Reihe von bestehenden Geschäftsmodellen ablösen. Nur wer nun beherzt agiert und sich auf diese Umstellung einstellt, hat eine Chance, vorne zu bleiben. Zögern scheint mir hier gefährlich.

Die Blockchain stiess letztes Jahr an ihre Kapazitätsgrenze. Ist das weitere Potenzial so nicht begrenzt?

Sandner: Im Public-Bereich der Blockchain, also beispielsweise bei den Kryptowährungen, sind die Kapazitätsgrenzen immer noch sehr schnell erreicht. So ist diese Art von Blockchain aufgrund der geringen Skalierbarkeit und des hohen Energieverbrauchs noch nicht im grossen Massstab einsetzbar und kann auch das bestehende Finanzsystem nicht ablösen. In diesem Bereich wird jedoch intensiv geforscht. Zahlreiche Ansätze wie die von IOTA versuchen dieser Problematik durch neue Konzepte beizukommen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die Skalierungsproblematik gelöst sein wird.

Was sind die Herausforderungen, die weitere Fortschritte beeinträchtigen können?

Schulden: Die staatliche Regulierung wird von zentraler Bedeutung sein. Der Gesetzgeber muss ein sinnvolles Mass finden, um Missbrauch und Betrug zu verhindern und gleichzeitig immer noch Platz für Innovation zu gewähren. Südkorea, Japan und die Schweiz sind dabei, eine konstruktive Regulatorik zu entwickeln. Andere Industrienationen lassen diese Initiative derzeit vermissen. Dies ist bedauerlich, da jedes Individuum, jedes Unternehmen und jeder Staat derzeit die Chance ergreifen müsste, sich für die Zukunft zu positionieren. Nur muss dies auch angepackt werden, denn der technologische Fortschritt lässt sich nicht aufhalten.

Philipp Schulden arbeitet als Blockchain-Experte am Frankfurt School Blockchain Center. Im Blockchain-Umfeld durfte er hinsichtlich der Projektierung und Konzeption von Blockchain-Projekten wertvolle Erfahrungen bei einem deutschen Energiekonzern sammeln. Zudem hat er Expertise im Bereich der Analyse von Kryptowährungen. Sein Studium in International Business Administration absolvierte er in Frankfurt, Peru und Südkorea.


Und Faktoren, die die weitere Entwicklung begünstigen?

Sandner: Der momentane Hype um die Kryptowährungen und die damit einhergehende Gründungsfinanzierung hilft gerade jungen Unternehmen, innovative Geschäftsmodelle umzusetzen. Jedoch sind auch grosse Firmen sehr aktiv und versuchen mit ebenfalls ambitionierten Projekten bestehende Geschäftsprozesse weiterzuentwickeln oder neue Anwendungsfälle zu erschliessen. Forschungseinrichtungen profitieren ebenfalls von diesem Trend. Selbst bei einer möglichen Kurskorrektur der Kryptowährungen wird eine Vielzahl von innovativen Ansätzen für Wirtschaft und Gesellschaft gefunden worden sein, welche das Potenzial haben, uns in eine digitalisierte Zukunft führen zu können.

Kann man nicht einfach neue Blockchains kreieren?

Schulden: Es werden täglich neue Blockchains geschaffen, sowohl im Public- wie auch im Enterprise-Bereich. Durch Initial Coin Offerings (ICOs), ein neues Crowdfunding-Modell, sammeln meist junge Unternehmen Kapital ein, um ihre eigene Blockchain mit einem spezifischen Anwendungszweck zu erstellen. Es gibt verschiedene Arten von Blockchains, die einen unterschiedlichen Entwicklungsaufwand erfordern. Eine rudimentäre Blockchain zu erstellen erfordert keinen grossen Aufwand. Handelt es sich hingegen um eine Blockchain mit einem spezifischen Anwendungszweck, kann die Entwicklung Jahre benötigen.

Lassen sich Vorteile wie Skaleneffekte in Zahlen belegen?

Sandner: Um hier genaue Zahlen vorlegen zu können, ist der Markt noch zu jung. Es wird noch eine Weile dauern, bis sich dominante Lösungen herauskristallisieren werden. Skaleneffekte können hierzu einen grossen Anteil leisten.

Und die Sicherheit? Wer achtet darauf, dass Regeln eingehalten werden?

Schulden: Auch hier kann man keine allgemeingültige Antwort liefern, da die Spielregeln bei unterschiedlichen Arten von Blockchains differieren. Generell kann man zwischen zwei Arten von Blockchains unterscheiden: Public Blockchains und Enterprise Blockchains. Bei Public Blockchains übernehmen die Netzwerkteilnehmer die Kontrolle und bestimmen beispielsweise über die Weiterentwicklung einer Blockchain. An diesem Konsensverfahren kann jeder teilnehmen. Im Fall von Enterprise Blockchains sorgen vorab festgelegte Nutzer für die Sicherheit des Netzwerks und entscheiden ebenfalls über die interne Regulierung der Blockchain.

Wie steht es um die Marktreife der Blockchain? Werden wir sie bald alle intensiv im Alltag nutzen?

Sandner: Enterprise Blockchains sind praktisch einsatzbereit. Hier muss nun der Gesetzgeber aktiv werden, um eine gewisse Rechtssicherheit für die Unternehmen zu schaffen. Public Blockchains versprechen ein grosses Potenzial, jedoch werden in diesem Fall noch alltagstaugliche Anwendungen in der Breite vermisst. Wenn die vorher angesprochenen Probleme in den Griff bekommen werden, hat die Blockchain das Potenzial, uns als Schlüsseltechnologie in eine digitalisierte Zukunft führen zu können.


23.11.2019 01:04:56

 

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