Britisches Pfund: Bodenbildung in Sicht, – viel mehr jedoch (noch) nicht

Mittwoch, 13. Juli 2016 von Dr. Sven SchubertLesezeit: 3 Minuten

Das britische Ja zum EU-Austritt hat das Pfund (GBP) deutlich unter Druck gebracht. Zwei Faktoren sprechen nun dafür, dass sich das Pfund derzeit in einer Phase der Bodenbildung befindet.

Gegenüber dem Franken, der dank beherzter Deviseninterventionen vonseiten der SNB zum Euro nur leicht stärker gehandelt hat, wertete das Britische Pfund am selben Tag bis zu 11% ab (Grafik 1). Gegenüber dem Euro waren es 9%, gegenüber dem US-Dollar sogar 12%. Die Befürchtung eines längeren politischen Stillstands – Premierminister Cameron trat zurück – setzten die Währung in den darauffolgenden beiden Wochen weiterhin unter Abwertungsdruck.

 

Zwei Faktoren sprechen nun dafür, dass sich das Pfund derzeit in einer Phase der Bodenbildung befindet.

 

  • Erstens zeichnet sich die Ernennung von Theresa May zur Premierministerin ab, welche die politische Unsicherheit zum Abklingen bringen dürfte.
  • Zweitens signalisieren die Terminmärkte sowie Einschätzungen von Ökonomen (Konsensus), dass hinsichtlich Wachstum sowie Geldpolitik bereits ein unserer Meinung nach angemessenes Szenario eskomptiert wird.

Grafik 1: Pfund dürfte Bodenbildung aufweisen

 

Politische Unsicherheit möglicherweise im Fallen

Theresa May wird aller Voraussicht noch am heutigen Mittwoch (12. Juli) ins Amt der Premierministerin berufen, da sie als einzige Kandidatin der Konservativen übrig geblieben ist. Das sind unserer Meinung nach positive Neuigkeiten für Grossbritannien, da ein(e) neue(r) Premierminister(in) zunächst erst im Herbst 2016 erwartet wurde. Es besteht nun die Chance, dass der EU-Austrittsprozess und somit auch die Verhandlungen über künftige Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Grossbritannien früher als erwartet beginnen.

Dass es ausgesprochen wichtig ist, einen geordneten Austrittsprozess so schnell wie möglich in die Wege zu leiten, zeigen Geschäfts- und Konsumentenklimaumfragen. Das GFK-Konsumentenklima für Grossbritannien ist – nach einer Verbesserung in den letzten Monaten – innerhalb der ersten Juli-Wochen stark eingebrochen. Auch wurde das Einstellungs- und Investitionsverhalten von Unternehmen durch den «Brexit» deutlich negativ belastet. Somit ist es wichtig, möglichst schnell einen rechtlichen Zukunftsrahmen für den grenzüberschreitenden Güter- und Dienstleistungsverkehr zwischen Grossbritannien und der EU zu stecken.

 

Wachstumsprognosen bereits deutlich nach unten revidiert

Der Wachstumseffekt bleibt die «grosse Unbekannte» für das Britische Pfund. Diesbezüglich werden wir wahrscheinlich erst in den kommenden Wochen bzw. Monaten Klarheit haben. Somit besteht von dieser Seite her weiter negatives Überraschungspotenzial. Ein erstes Indiz dafür, dass die Daten der Realwirtschaft bereits in Mitleidenschaft gezogen werden, liefern Geschäfts- und Konsumentenklimaindizes (s.o.).

Allerdings spricht die Tatsache, dass die Mehrzahl der Volkswirte ihre Wachstumsprognosen bereits deutlich reduziert haben, auch für ein überschaubares negatives Überraschungspotenzial der britischen Volkswirtschaft. So haben wir zum Beispiel unsere reale Wachstumsprognose für Grossbritannien für 2016 von 1.7% auf 1.2% und für 2017 von 2.2% auf 0.2% reduziert.

 

Zinssenkung in Grossbritannien bereits eingepreist

Neben den Daten aus der Realwirtschaft wird vor allem die Zentralbanksitzung am kommenden Donnerstag (14. Juli) mit Spannung erwartet. Einzelne Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses der Bank of England hatten bereits im Vorfeld des «Brexits» angedeutet, dass die Zinsen bei einem EU-Ausstieg womöglich gesenkt werden müssen. Wir gehen für den kommenden Donnerstag von einer Leitzinssenkung in Höhe von 25 Basispunkten aus. Da sowohl der Konsensus als auch die Zinsmärkte dies bereits antizipieren (Grafik 2), erwarten wir keine signifikante Talfahrt des britischen Pfunds (GBP) nach dem Entscheid. Lediglich im Falle einer Ausweitung des quantitativen Lockerungsprogramms bzw. einer Zinssenkung von mehr als 25 Basispunkten würden wir eine deutlichere Korrektur des Pfunds von 3–5% im Anschluss an den Entscheid erwarten.

Grafik 2: Zinsmärkte gehen von Zinssenkung aus

 

Pfund-Rally hin zu «Vor-Brexit Niveau» unwahrscheinlich

Solange das Ausmass über den Effekt des «Brexits» auf die Konjunktur in Grossbritannien ungeklärt ist, gehen wir von keiner starken Rally des Pfunds aus. Die Bewertung des Pfunds gegenüber dem Euro (EWU ist der wichtigste Handelspartner Grossbritanniens) ist derzeit lediglich «fair». Bei einem hohen Leistungs- (–6% des BIP) und Haushaltsdefizit (–4.5% des BIP) sprechen die Fundamentaldaten daher eher dafür, dass das Aufwertungspotenzial in den kommenden Monaten beschränkt bleibt. Wir prognostizieren das britische Pfund per einem Euro (EUR/GBP) auf 0.82 auf 12 Monate und gegenüber dem Franken (GBP/CHF) auf 1.34.

13.12.2019 10:19:51

 

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