«Bitcoin wird für den Alltagsgebrauch fit gemacht»

Mittwoch, 20. Dezember 2017Lesezeit: 4 Minuten

Ein Interview mit Lucas Betschart

Lucas Betschart

Präsident der Bitcoin Association Switzerland

Lucas Betschart ist Gründer der Technologie-Beratungsfirma Blockchain Source und Präsident der Bitcoin Association Switzerland. Er ist Gastdozent zum Thema Bitcoin und Blockchain an der Hochschule Luzern und an der Hochschule für Wirtschaft Zürich sowie Organisator und Redner an Events und Konferenzen auf der ganzen Welt.


Welches Ziel verfolgt die Bitcoin Association Switzerland (BAS)?

Die BAS wurde 2013 zum Zweck der Förderung von digitalen Währungen gegründet. Der Fokus lag damals klar auf Bitcoin, doch sind unsere Inte­ressen nicht ausschliesslich darauf konzentriert. Wir möchten das Wissen in der Bevölkerung rund um Kryptowährungen erhöhen und deren Akzeptanz fördern. Dazu organisieren wir regelmässige Meet-ups und Events. Der Verein verfolgt keine wirtschaftlichen Zwecke und strebt somit auch keinen Profit an.

Wer steht hinter der BAS?

In der BAS engagieren sich Bitcoin-Enthusiasten aus der Technologie- und Finanzindustrie. Schwerpunkte unserer Tätigkeit sind nicht nur Aufklärung und Bildung, sondern auch das Schaffen eines klaren regulatorischen Umfelds. Der Verein organisiert dazu 50 öffentliche Veranstaltungen pro Jahr. In Zusammenarbeit mit Bitcoin-Unternehmen, Banken und Anwälten klären wir zudem in Arbeitsgruppen regulatorische Fragen.

Mit welchen Fragen rechtlicher Natur beschäftigt sich die BAS gegenwärtig?

Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (FINMA) hat im internationalen Vergleich schon sehr früh auf Bitcoin reagiert und insbesondere im Bereich des KYC-Compliance-Checks für mehr Klarheit gesorgt («KYC» bzw. «Know Your Customer» steht für «Kenne deinen Kunden»). Dennoch bleiben einige Fragen in Bezug auf Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie offen – zum Beispiel, ob Kryptowährungen mit Geldeinlagen vergleichbar sind oder wie die Eigentumsübertragung bei digitalen «Assets» rechtlich korrekt vonstattengehen soll.

Wer steckt Ihrer Meinung nach hinter dem Pseudonym «Satoshi Nakamoto»?

Die wahrscheinlichste Theorie ist, dass Satoshi Nakamoto keine Einzelperson, sondern eine Gruppe von Experten aus den Bereichen Kryptografie und verteilte Computersysteme ist. Da Bitcoin auf der «Crypto Finance» basiert, wird sie schon seit Jahrzehnten erforscht und weiterentwickelt.

Es könnten weitere Abspaltungen von Bitcoin anstehen. Welche Auswirkungen hätten sie – zum Beispiel auch auf die Marke Bitcoin?

Die früheren Abspaltungen wirkten sich positiv auf den Bitcoin-Kurs aus. Da die Parteien, die dem aktuellen Entwicklungsweg nicht zustimmen, zu einem neuen Projekt abwandern und so Blockaden und interne Konflikte beenden, sind sie gut für die Bitcoin-Community. Auch erhält jeder Bitcoin-Besitzer bei einer Abspaltung automatisch beide Coin-Typen. Es besteht somit kein Risiko für Investoren, auf das falsche Pferd zu setzen. Auf die Marke Bitcoin hat es meiner Meinung nach jedoch keine Aus­wirkung, denn es gibt sie schlichtweg nicht. Der Begriff «Bitcoin» gehört niemandem – wie der Begriff «Internet» auch niemandem gehört. Jeder kann sein eigenes Netzwerk «Internet» nennen, nur ist das für den Rest der Welt irrelevant. Dasselbe gilt für das Bitcoin-Netzwerk.

Führen Abspaltungen von Bitcoin zu mehr Chancen oder Gefahren?

Ich sehe sie als Chancen. Zwar kann niemand genau vorhersagen, welcher Weg der Beste ist für die Weiterentwicklung von Bitcoin. Daher ist gut, wenn diverse Varianten ausprobiert werden. Dennoch sind sich zurzeit die meisten Experten darüber einig, dass der gegenwärtig eingeschlagene Weg für Bitcoin der Beste ist. Als Gefahr empfinde ich nur, wenn Börsen oder Webseiten etwas als Bitcoin verkaufen, das von 95% der Welt nicht als Bitcoin angesehen wird. Zum Beispiel, wenn es sich um eine der Abspal­tungen (Bitcoin Cash etc.) handelt. Neulinge könnten so in die Irre geführt werden.

Wie steht es um die Bitcoin-Community nach Absage von SegWit2x?

Nach SegWit2X ist die Community inklusive der Firmen, die hinter «2X» standen, wie vereint unter dem Ziel, Bitcoin durch sogenannte Second-Layer-Technologien wie Lightning zu skalieren. Damit können pro Sekunde Millionen von Bitcoin-Transaktionen durchgeführt werden – zu einem Bruchteil der bisherigen Transaktionsgebühren.

«Dank dem Netzwerkeffekt wird Bitcoin lange die Nummer eins unter allen Kryptowährungen bleiben.»

Was halten Sie von den zahlreichen Initial Coin Offerings (ICO) und der Flut neuer Kryptowährungen?

Viele ICO sind sogenannte «Scams». Dabei handelt es sich entweder von Anfang an um ein Betrugsschema oder aber sie versprechen Dinge, die technologisch nicht machbar oder nicht sinnvoll sind. Oft werden ICO dazu verwendet, Regularien bei der Mittelbeschaffung (Fundraising) für traditionelle Start-ups zu umgehen. Auch ist es problematisch, wenn solche Start-ups bereits von Anfang an unzählige Millionen Dollar an die Hand bekommen, ohne dass sie bereits Kompetenzen im Hinblick auf die Ideenumsetzung bewiesen haben. Innovationen werden schliesslich häufig aus einem Geldmangel heraus geboren; Not macht erfinderisch. Das ist möglicherweise auch ein Grund, weshalb grosse Unternehmen weniger oft mit Inno­vationen in Verbindung gebracht werden als kleinere. Viele der neuen Kryptowährungen werden von Personen initiiert, die möglichst schnell reich werden wollen. Leider hängt der kurzfristige Wert einer Kryptowährung aber vom Marketing und nicht vom Potenzial und Nutzen ab. Gerade Kryptowährungen, die nicht dezentral, sondern von einer Firma entwickelt worden sind, haben in der Regel ein grosses Marketingbudget. Dies kann dazu führen, dass vor allem «Krypto-Neulinge» ohne ausreichendes Wissen in die Währungen investieren.

Wie ist Ihre Meinung zur aktuellen Bitcoin-Entwicklung?

Der enorme Kursgewinn der letzten Zeit kommt durch hohe Erwartungen an Bitcoin zustande, die allerdings noch nicht erfüllt wurden. Die Entwicklung der Blockchain-Technologien hinkt der Preisentwicklung eines jeweiligen Coin hinterher. Ich persönlich sehe eine sehr positive Zukunft für Bitcoin. Mehr als hundert Entwickler aus vielen verschiedenen Unternehmen, Universitäten und Organisationen sowie grosse Fortschritte in der Skalierbarkeit durch die Second-Layer-Systeme wie Lightning machen Bitcoin für den Alltagsgebrauch fit.

Wie könnte sich Bitcoin künftig präsentieren – und dabei konkurrenzfähig bleiben?

Finanzprodukte erlauben Anlegern, in Kryptowährungen zu investieren – ein Zugang, der ihnen zuvor aus diversen Gründen verwehrt war. Dies mag kurzfristig eine Überhitzung des Marktes zur Folge haben, doch wird sich bald ein Gleichgewicht finden. Im Anschluss daran dürfte die erhöhte Liquidität zu längerfristig weniger starken Preisschwankungen führen.

15.12.2019 02:34:00

 

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